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Tirana liegt dreihundert Mal in Afghanistan




Nur selten lässt sich der Wendepunkt in einem Leben genau festhalten. Meistens kann man nicht einmal erkennen, ob eine Entscheidung oder ein Ereignis einen bedeutenden Einschnitt in den bisherigen Lebensweg darstellt. Matthias N.* kann das. Bei ihm war es der 14. März 1997. 15.40 Uhr. In Tirana. Bei der Operation "Libelle“.

Im Vorfeld war es in Albanien vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Missstände zu Unruhen gekommen. Die Bundesregierung und der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) fassten den Entschluss, deutsche Staatsbürger aus Albanien auszufliegen. Den Auftrag erhielten die im bosnischen Feldlager Rajlovac stationierten SFOR-Soldaten. Unmittelbar nach der Landung in Tirana flammten heftige Gefechte zwischen unbekannten Kräften und den Bundeswehrsoldaten auf. Mittendrin: Bordschütze N. 29 Minuten dauert das Gefecht. 29 Minuten, die sein Leben grundlegend verändern sollten, ehe der letzte Hubschrauber um 16.09 Uhr Richtung Bosnien abhob.

N. war Zeitsoldat von 1987 bis 1999, danach Reservist. Zwischen 2002 und 2009 war der Familienvater vier weitere Male im Einsatz, in Afghanistan und erneut in Bosnien. Tirana hat er gut verdaut. Auch dass in seiner Gegenwart wiederholt Kameraden getötet wurden, steckte er weg. Da waren sich alle einig. Mit dem seelischen Schmerz und den Erinnerungen kommt er schon klar. Wirklich?

Gefühlskälte der Familie gegenüber
Die Einlieferung zur Traumatherapie ins Bundeswehrkrankenhaus (BWK) erfolgte im März 2009. Zwölf Jahre nach Tirana. Zwar wurden bei zwischenzeitlichen Besuchen beim Truppenarzt psychische Auffälligkeiten festgestellt. "Aber nix Ernstes", wie es immer so schön heißt. Nix Ernstes – das waren Alpträume, Nachtschweiß, Flashbacks, ein permanentes Bedrohungsempfinden, Gefühlskälte der Ehefrau und den eigenen Kindern gegenüber.

"Es geht nur noch um eins: Du oder ich"
"Alles Existenzielle, was den Menschen ausmacht, vor allem Nähe und Wärme, wird in solchen Extremsituationen abgeschaltet", sagt Wolfgang Gorki, Militärpfarrer a.D. aus Nürnberg. Er betreut im Auftrag des Reservistenverbandes Soldaten, die mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) aus dem Einsatz kommen. "Stellen Sie sich eine Gefechtssituation vor", sagt er, "da wird der Mensch ein Stück weit zum Tier, weil er Überleben muss. Da geht es nur um eins: Du oder ich."

Borderline als Folgeerkrankung
Im Unterbewusstsein brechen die seelischen Narben auf. Drei bis fünf Stunden dauert eine Schlafphase nur. In dieser Zeit tritt N. das Fußteil des Krankenbettes ab, sucht Schutz unter dem Bett oder ritzt sich – wenn es besonders schlimm ist – die Unterarme oder Pulsadern auf (Borderline-Syndrom). Landet neben dem BWK ein Hubschrauber, setzen sogenannte Trigger ein: Schlüsselreize, die sich auf das Verhalten auswirken. "Wenn es ihm gut geht, kann er damit umgehen. Aber in schlechten Phasen wirft ihn das noch weiter zurück", berichtet Gorki. "Auch wenn sich die Soldaten untereinander über ihre Erlebnisse unterhalten, kommt alles wieder hoch." Erst nach der Behandlung des aus der PTBS resultierenden Borderline-Syndroms könne sich die Behandlung wieder auf die Belastungsstörung konzentrieren.

Diagnose mit Nebenwirkung
Nach 600 Tagen im BWK endlich die Diagnose: "PTBS klingt ab". Wie hat er die Krankheit überwunden? "Gar nicht", sagt Gorki. "PTBS kann nicht abklingen, nur zur Ruhe kommen." Und die scheinbar gute Nachricht offenbart Nebenwirkungen. "Er ist nur noch sechs Wochen krankenversichert, das Versorgungsamt zahlt nicht mehr. Sollte sich in naher Zukunft nichts ändern, wird N. zum Hartz-IV-Empfänger, dann muss er von rund 450 Euro im Monat leben", erklärt der Militärpfarrer a.D. Für Gorki geht es nun darum, mit den entsprechenden Dienststellen und Institutionen eine tragbare Lösung zu finden. Zum Kampf gegen PTBS kommt nun noch der Kampf gegen die Bürokratie.

"Dunkelziffer bei Reservisten höher"
Der Fall von Matthias N. ist einer von rund 300 pro Jahr. Rund zwei Prozent aller deutschen Soldaten kehren traumatisiert aus dem Einsatz zurück. Die Dunkelziffer ist weitaus größer, zumal, wie geschildert, nicht jede Erkrankung sofort erkannt wird. Das geht auch aus der Dunkelzifferstudie der TU Dresden hervor (wir berichteten). "Ich befürchte sogar, dass die Dunkelziffer bei den Reservisten höher ist als bei den Aktiven, die ja direkt im Anschluss an den Einsatz von den entsprechenden Stellen bei der Bundeswehr betreut werden. Im zivilen Umfeld stellen sie jedoch erst nach einer Weile fest, dass etwas nicht stimmt", sagte der beim Reservistenverband für PTBS zuständige Vizepräsident Burkhart Ehrlich kurz nachdem vor rund zwei Wochen erste Auszüge der Studie veröffentlicht wurden. "Da wollen wir tätig werden mit den Spezialisten in unserer Arbeitsgruppe."

Geringen Prozentsatz nicht kleinreden
Zwar kommt die Bundeswehr im Vergleich mit den amerikanischen Streitkräften "gut" weg – dort kehren aufgrund der längeren Einsatzdauer von bis zu zwei Jahren und mehrerer Kampfhandlungen 15 bis 25 Prozent traumatisiert heim. Dennoch darf man die Zahl nicht kleinreden. Jeder Betroffene hat seine eigene Geschichte. Jedes Leben, das eine unerwartete Wende nimmt, ist eines zu viel. Tirana ist auch in Afghanistan. Jedes Jahr dreihundert Mal.

*Name geändert

Veröffentlichung der TU Dresden

Sören Peters

Symbolbild oben:
Rund 300 Soldaten pro Jahr kehren mit PTBS heim.
(Foto: live yuor life via flickr.com, Montage: spe)

Symbolbild Mitte:
Auch die Familie, eigtnlich sicherer Halt für die Soldaten
nach der Rückkehr, leidet unter den Symptomen.
(Foto: Bundeswehr/Modes via flickr.com)

Bild unten:
Amerikanische Soldaten bei einer Operation in Afghanistan.
Die Kameraden sind ein bis zwei Jahre dauerhaft im Einsatz.
(Foto: Isaf-Media via flickr.com)

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