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Trister Flüchtlingsalltag: Reservisten bringen Abwechslung




Es ist früher Nachmittag in Lemgo, 33 Grad Außentemperatur. Die Sonne knallt auf den Betonboden der ehemaligen Anne-Frank-Schule. Seit drei Wochen ist das Schulgebäude Flüchtlingserstaufnahmestelle der Alten Hansestadt im Kreis Lippe. Die dort von der Stadt eilig untergebrachten Kriegsflüchtlinge haben Langeweile. Sie sitzen im Schatten, waschen ihre Wäsche und hängen sie in die Sonne. Mehr ist ihnen nicht erlaubt. Sie warten auf Weiterverteilung und Anerkennung als Asylant.

Mitglieder der Reservistenkameradschaft (RK) Lemgo versuchen etwas Abwechslung in das Leben der Asylbewerber zu bringen. Flieger der Reserve Michaela Ohlendorf verteilt an die Kinder und Erwachsenen Frisbeescheiben des Reservistenverbandes. Die Erwachsenen wissen schnell zu schätzen, dass diese Scheiben auch als Fächer genutzt werden können. Die Kinder spielen damit. "Ich habe mich schon mit einigen Leuten angefreundet", sagt Ohlendorf. Sie setzt seit drei Wochen ihre Freizeit für die Flüchtlingsbetreuung ein. Der Bürgermeister der Stadt, Reiner Austermann, hatte bei den Reservisten angefragt, ob sie schnell helfen könnten, als er binnen 72 Stunden zwei Flüchtlingsaufnahmestellen quasi aus dem Boden stampfen musste. Zum Glück verfügte die Stadt gerade über zwei leerstehende Schulgebäude – wir berichteten. Für Michaela Ohlendorf und ihre Kameraden war klar: "Da helfen wir". Die Schulsekretärin zog ihre Flecktarnuniform an und fasste an, wo es nötig war.

Warten auf kleine Ablenkungen
Lemgo hat die Flüchtlinge aufgeteilt. In der Anne-Frank-Schule leben nun Familien, Kinder und alleinstehende Frauen. In der ehemaligen Grundschule Lemgo-Hörstmar sind alle alleinstehenden Männer ab 18 Jahren untergebracht. Die mediale Aufmerksamkeit richtet sich allgemein mehr auf die Schicksale von Kindern und Familien, da werden die alleinstehenden Männer oft vergessen. Doch auch sie kauern im Schatten und warten auf kleine Höhepunkte des Tages – meist das Essen. Auch sie freuen sich, als die Mitglieder der Reservistenkameradschaft Frisbeescheiben, Skatspiele und Gummibärchen bringen. Und trotz des heißen Sommertages spielen sie mit den uniformierten Reservisten. Sie haben Spaß. Die Reservisten freuen sich, dass sie für Abwechslung sorgen können. "Wir unterhalten uns mit den Männern auf Englisch, Deutsch und mit den Händen. Die meisten wollen, dass wir mit ihnen Deutsch sprechen, nur so können sie ein paar Brocken lernen", sagt RK-Vorsitzender Stabsunteroffizier der Reserve René Schrader.

Vorher nicht gewusst, was Asyl bedeutet
Die Reservisten haben sich dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) zur Verfügung gestellt. Das DRK betreibt die Aufnahmestellen im Auftrag der Stadt. Doch das DRK braucht vor allem in der Anfangsphase Unterstützung. Es teilt die Helfer in Schichtpläne ein – eine Schicht dauert bis zu zwölf Stunden zwischen 6 und 18 Uhr. Dafür nehmen sich alle gerne frei. Obergefreiter der Reserve Rainer Haierhoff sagt: "Wir haben bei der Taschengeldauszahlung und bei der Einkleidung geholfen. Damit genug Bekleidung zusammenkam, haben wir auch unsere eigenen Kleiderschränke geplündert." Alle Reservisten haben sich ein neues Bild von Flüchtlingen machen können. Schütze der Reserve Lang erinnert sich an das Schicksal seines Großvaters: "Er war nach dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls Vertriebener. Ihm wurde auch Hilfe zuteil, als er fliehen musste. Aus dieser Familiengeschichte heraus wollte auch ich helfen." Hauptgefreiter Kai-Ulrich Holzkämper ist aktiver Soldat, ein Wiedereinsteller, dennoch ist er weiter Mitglied in seiner RK. Er ist ein junger Mann, der im Wohlstand aufgewachsen ist, dem es an nichts fehlte. Er sagt: "Es ist bedrückend, wenn ich sehe, dass es anderen Menschen schlecht geht und ihnen alles fehlt." RK-Vorsitzender Schrader: "Mir war bisher gar nicht bewusst, was Asyl bedeutet. Ich habe großen Respekt vor diesen Flüchtlingen, sie haben alles zurückgelassen. Sie haben unsere Hilfe verdient, die Substanz haben muss: Sie brauchen eine Ausbildung mit der sie irgendwann in ihrer Heimat etwas anfangen können, sie müssen Deutsch lernen können und sie müssen auch etwas Geld sparen können, um sich irgendwann eine Zukunft aufbauen zu können." Das sei ein aktiver Beitrag zur Entwicklungshilfe beziehungsweise zum Wiederaufbau in den kriegsgebeutelten Regionen.

Lob ohne Worte: Daumen hoch
Bürgermeister Reiner Austermann dankt den Reservisten für die schnelle Hilfe und den uneigennützigen Einsatz. "Die Reservisten haben nicht die Welt gerettet, aber ganz viel Herz gezeigt. Das gibt ein tolles Bild in der Öffentlichkeit." Auch bei der Bevölkerung kommt diese Hilfe gut an. "Eine meiner Nachbarinnen hat mich in Flecktarnuniform gesehen, ich erzählte was ich mache, da hob sie den Daumen hoch. Das war ein schönes Lob ohne Worte", freut sich Rüdiger Lang.


Detlef Struckhof

Hinweis zu den Fotos: Aus Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte
der Flüchtlinge sowie zu deren Schutz hat die Redaktion die
Gesichter der Flüchtlinge unkenntlich gemacht.

Bild oben: Die Erstaufnahmestelle in der ehemaligen Anne-Frank-Schule
in Lemgo. Flüchtlinge verbringen ihre Zeit auf dem Schulhof, hängen
dort ihre Wäsche zum Trocknen auf (Foto: Detlef Struckhof).

2. Bild: Flieger der Reserve Michaela Ohlendorf verteilt an
Flüchtlingskinder Frisbeescheiben des Reservistenverbandes
(Foto: Detlef Struckhof).

3. Bild: Flüchtlinge freuen sich in der Erstaufnahmestelle in der
ehemaligen Grundschule Lemgo-Hörstmar darüber, dass
Reservisten mit ihnen Frisbee spielen (Foto: Detlef Struckhof).

4. Bild: Bringen den Flüchtlingen nette Worte und Abwechslung: Mitglieder
der Reservistenkameradschaft Lemgo (von links):
Hauptgefreiter Kai-Ulrich Holzkämper, Obergefreiter der Reserve Rainer Haierhoff,
Stabsunteroffizier der Reserve René Schrader (RK-Vorsitzender),
Schütze der Reserve Rüdiger Lang (Foto: Detlef Struckhof).

5. Bild: Bürgermeister der Alten Hansestadt Lemgo:
Dr. Reiner Austermann (Foto: Detlef Struckhof).

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