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Von Kampfstiefeln, Blasen und anderen Sorgen




Seit 58 Jahren legt der Wehrbeauftragte einen Bericht über den Zustand der Bundeswehr vor. Die Ausführungen sind nicht nur ein Spiegel ihrer Zeit. Sie zeigen auch, dass es einige Nöte der Soldaten schon immer gegeben hat.

von Thomas Oberfranz

Nasse Füße und Blasen an den Zehen kennt jeder Soldat. Klagen über die Qualität der Kampfstiefel ziehen sich durch die Geschichte der Bundeswehr. Im aktuellen Wehrbericht liest sich das so: "Die Kampfstiefel weisen erhebliche Qualitätsmängel auf. Diesem Umstand wird mit der in 2016 begonnenen Umsetzung des neuen 'Kampfschuhsystems Streitkräfte' Rechnung getragen."

Das "Kampfschuhsystem" hat auch früher schon Probleme bereitet. Auch vor 28 Jahren wurden neue Schuhe eingeführt. Im Wehrbericht heißt es dazu: "Die Zuteilung von einem neuen Paar Schwerschuhwerk sollte zu einer wesentlichen Verbesserung der Ausstattung sorgen, die orthopädischen und hygienischen Bedürfnissen Rechnung trägt." Mangelhafte Stiefel sind nicht die einzigen Probleme, über die Soldaten seit Jahrzehnten klagen. Seit 1959 wird der Wehrbeauftragtenbericht jährlich veröffentlicht. Er ist eine Art Zustandsbericht der Bundeswehr und führt häufig einzelne, eklatante Verfehlungen auf. Jedoch gibt er auch einen guten Einblick in die Seelenlage der Truppe. Manche Sorge, wie etwa die Trennung von ihren Familien, beschäftigt die Soldaten schon seit Bestehen der Bundeswehr. Manch andere war eine Erscheinung ihrer Zeit.

So zweifelten etwa viele junge Soldaten direkt nach Gründung der Bundeswehr am Sinn des Wehrdienstes. Deutschland war geteilt und die Bundesrepublik nur ein Provisorium. Die Soldaten fragten sich, was sie verteidigen sollten. Auch die älteren unter ihnen zweifelten – allerdings an den Jungen. Denen fehle "das Gefühl ?für Pflicht, Bindung und Unterordnung", klagten sie gegenüber dem ersten Wehrbeauftragten Helmuth von Grolman.

Viele Vorgesetzte der Anfangsjahre hatten in der Wehrmacht gedient und sind dort sozialisiert worden. Ihre zum Teil fragwürdige Menschenführung hat die Wehrpflichtigen der 50er und 60 Jahre bedrückt und die Wehrberichte gefüllt. Der Gipfel des "Schleifertums" dürfte der Nagoldfall gewesen sein. Im dortigen Fallschirmjägerbataillon waren lange Märsche am Beginn der Ausbildung, Beleidigungen, Schläge und Tritte für vermeintlich zu schwache Soldaten an der Tagesordnung. Hellmuth Heye, 1963 im Amt des Wehrbeauftragten, legte den Fall nicht nur dar, sondern forderte auch direkte Konsequenzen. "Schleifermethoden" hätten in der modernen Bundeswehr nichts zu suchen, schrieb er in seinem Bericht. Danach war für Schleifer in der Bundeswehr tatsächlich kein Platz mehr.

Verfehlungen von Vorgesetzten waren nur ein Schwerpunkt der Wehrberichte in jener Zeit. Ein weiterer Fokus lag auf der schwierigen Lage einer Armee im Aufbau. Die Kasernen der 50er und 60 Jahre wurden vor allem auf dem Land gebaut, weit entfernt von Kinos, Theatern, Kindergärten und Bars der Städte. "Viele Soldaten waren in den abgelegenen Standorten, getrennt von der Familie, nicht glücklich", sagt der Militärhistoriker und Oberstleutnant Dr. Rudolf J.  Schlaffer, der seine Doktorarbeit über das Amt des Wehrbeauftragten geschrieben hat. Die Freizeitgestaltung wurde durch ausufernde Dienstzeiten zusätzlich erschwert. "Das beschäftigte die Soldaten und schreckte manch einen davor ab, sich weiterzuverpflichten", so Schlaffer. Heute ist gesetzlich vorgeschrieben, dass Soldaten nur noch 41 Stunden pro Woche arbeiten dürfen.

In den 60er Jahren beschäftigte die Notstandsgesetzgebung die Soldaten und damit auch den Wehrbeauftragten. Diese Gesetze ermöglichten es, in besonderen Ausnahmesituationen wie etwa Naturkatastrophen oder schweren Unglücken, die Bundeswehr im Inneren einzusetzen. "Die Soldaten fragten sich, ob sie wirklich im Inneren eingesetzt werden wollen?", sagt Schlaffer. Die Gesellschaft war gespalten. Viele, vor allen Dingen junge Menschen, fürchteten durch die Notstandsgesetze einen Rückfall in alte, autoritäre Zeiten und das Ende der Demokratie. Die Zahl der Kriegsdienstverweigerer stieg rasant.

Die Politisierung der Gesellschaft nahm in den 70er und 80 Jahren weiter zu. Auch die Soldaten beschäftigten sich mit der politischen Lage. Manche wurden selbst politisch aktiv. Sie demonstrierten und verteilten Flugblätter. Die Truppe musste den Spagat zwischen Nato-Doppelbeschluss und Entspannungspolitik leisten. Während die einen in Uniform auf Friedenskundgebungen gegen die Stationierung neuer US-Atomwaffen demonstrierten, bewachten die anderen die Atomwaffenstützpunkte. Die politische Partizipation hatte die Bundeswehr in den 70er und 80er Jahren vollumfänglich erfasst.

Mit dem Fall der Mauer, dem Ende der DDR und der damit verbundenen Auflösung der Nationalen Volksarmee (NVA)? kamen Anfang der 90er Jahre ganz neue Herausforderungen hinzu. Der 2+4-Vertrag, der die deutsche Wiedervereinigung besiegelte, schrieb eine Obergrenze von 370.000 aktiven Soldaten vor. Die Bundeswehr zählte damals aber noch 500.000 Soldaten. Gleichzeitig konnten nur wenige Soldaten der NVA übernommen werden. Das führte bei den Soldaten zu Zukunftssorgen. Sie fragten sich: Wie geht es mit meinem Standort weiter? Werde ich versetzt und wenn ja, wohin? Kann meine Familie mitkommen? Wie sieht es mit meiner Laufbahnperspektive aus? Kann ich bei der Bundeswehr bleiben? 1991 schrieb der Wehrbeauftragte Alfred Biehle: "Selbst den im Berichtsjahr bereits versetzten Unteroffizieren und Offizieren konnte nicht zugesagt werden, dass sie tatsächlich auf dem aus ihrer persönlichen Sicht günstigen neuen Dienstposten verbleiben würden." Viele wollten weiter in den Streitkräften dienen und wünschten sich private und berufliche Planungssicherheit.

Parallel zum schwierigen Prozess der Wiedervereinigung wurden 1991 erstmals Soldaten in einen Auslandseinsatz geschickt. Kampfflugzeuge sollten den Nato-Partner Türkei im Falle einer Eskalation des Golfkrieges schützen. Außerdem wurden Luftabwehrsysteme in die Türkei sowie Minenräumschiffe ins Mittelmeer und den Persischen Golf entsandt. In der Türkei stellten sich einige Soldaten brisante Fragen: Dürfen wir überhaupt im Ausland eingesetzt werden? Was sollen wir hier? Biehle führt an, dass die Soldaten vor allem sehr enttäuscht darüber waren, "dass  sie während der Golfkrise vergeblich auf eine unmissverständliche und parteiübergreifende Rückendeckung gewartet hätten. Die Soldaten fühlten sich in den ersten kritischen Tagen im Stich gelassen, als es deutlicher und motivierender Worte dringend bedurft hätte." Der Einsatz in der Türkei war damals politisch sehr umstritten.

Nach zahlreichen weiteren Auslandsmissionen in den 90er Jahren, etwa in Somalia und Kambodscha, wurde die Bundeswehr im Kosovo in ihren ersten Kampfeinsatz geschickt. Die Soldaten, in diesem Fall Tornadobesatzungen, griffen aktiv in einen Krieg ein. Den im Kosovo eingesetzten Soldaten war der Kontakt zur Familie sehr wichtig. Da das Telefonieren sehr teuer war, wurde laut Wehrbericht das "Schreiben von Briefen unerlässlich". Doch bis die Briefe zu Hause ankamen und Post aus der Heimat das Einsatzgebiet erreichte, vergingen mitunter mehrere Wochen. Das trieb die Soldaten um. Nicht nur die Soldaten im Ausland waren damals einer enormen Belastung ausgesetzt, sondern auch die am Heimatstandort. "Sie haben die Aufgaben ihrer im Ausland eingesetzten Kameraden zusätzlich wahrzunehmen. Auch ihre Familien müssen dieses mittragen", schrieb die damalige Wehrbeauftragte Claire Marienfeld. Auch das treibt die Soldaten bis heute um.

Der Afghanistaneinsatz in den 2000ern war gefährlicher als alle vorherigen Missionen. Neben der Gefahr, verwundet zu werden, rückten die Wehrbeauftragtenberichte jener Jahre soziale Fragen in den Vordergrund. Wie sorgt mein Dienstherr für mich und meine Angehörigen, insbesondere bei Verwundung, Langzeitschäden oder Tod? Mit laufender Einsatzdauer wurde der Einsatz in Afghanistan gefährlicher. Bis heute sind laut Verteidigungsministerium 56 Bundeswehrsoldaten gefallen, 35 davon durch Sprengfallen oder  bei Kampfhandlungen. Blutiger Höhepunkt war das Karfreitagsgefecht 2010, als ein Fallschirmjägerzug aus dem Hinterhalt angegriffen wurde. Drei Soldaten starben und acht weitere wurden schwer verwundet. Dadurch rückte auch die Ausrüstung in die öffentliche Diskussion. Viele Soldaten fühlten sich nur unzureichend ausgerüstet. Der damalige Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus setzte sich nachdrücklich für eine bessere Ausrüstung ein. Nicht zuletzt durch sein von manchem Verteidigungsminister als nervig empfundenes Insitieren wurde die Truppe am Hindukusch unter anderem mit mehr Nachtsichtgeräten, gepanzerten Fahrzeugen, Schützenpanzern und erstmals auch mit Panzerhaubitzen ausgerüstet.

Die Auslandseinsätze gehen an die Substanz vieler Soldaten. Vor allem die Kampftruppen haben Angriffe und Verluste erlebt oder Elend und Gräuel gesehen und erwarten bei psychischen Erkrankungen, die sie bei der Arbeit erlitten haben, rasche Hilfe und Behandlung. Die Realität sieht anders aus. Ein Beispiel listet der Bericht 2010: "Ein Soldat beklagte sich mehrfach über die Dauer der Bearbeitung eines Antrags auf Genehmigung einer Langzeitpsychotherapie, die ihm aufgrund von Schwierigkeiten, sich nach einem fünfmonatigen Auslandseinsatz in Afghanistan wieder im Alltag zurechtzufinden, von der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie empfohlen wurde." Die Wehrbeauftragten jener Jahre, Reinhold Robbe und Hellmut Königshaus, kümmerten sich mitunter sogar persönlich darum, dass Soldaten in Psychotherapie gebracht wurden und beschleunigten auf diese Weise bürokratische Abläufe.

Neben den Auslandseinsätzen und ihren Spätfolgen sorgte auch die Entscheidung des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vom 11. Januar 2000 für tiefgreifende Veränderungen in der Bundeswehr. Das Gericht entschied, dass Frauen in allen Bereichen der Bundeswehr dienen dürfen. Neben neu zu schaffender Infrastruktur, wie zum Beispiel abgetrennte Kojen für Frauen auf Schiffen oder extra Duschen und Toiletten in Dienst- und Unterkunftsgebäuden, sorgte dies auch für eine andere Kultur in der Truppe. Manch altgedienter Offizier wusste mit Soldatinnen nicht umzugehen. Dies führte dazu, dass viele Frauen benachteiligt oder bevorzugt, zum Teil auch belästigt wurden. Der Wehrbeauftragte Willfried Penner schrieb 2002: "Ein häufig geschildertes Problem ist die Unsicherheit von Vorgesetzten im Umgang mit Soldatinnen. Obwohl Vorgesetzte in aller Regel bemüht waren, ein offenes, vertrauensvolles und normales Verhältnis zu den weiblichen Soldaten aufzubauen, hatten einige Soldatinnen das Gefühl, mit 'Samthandschuhen' behandelt zu werden."

Sind die Sorgen und Nöte von Soldaten in Auslandseinsätzen oder Probleme mit Frauen in Kampfverbänden eher ein Spiegel ihrer Zeit, so belastet die Truppe heute wie damals vor allem eines: das Pendeln. Im aktuellen Wehrbeauftragtenbericht spricht Hans-Peter Bartels von einer "Pendlerarmee". Das hat sich im Grunde seit 1959, als der erste Bericht des Wehrbeauftragten erschienen ist, genauso wenig geändert wie das ?Problem mit den Blasen an den Füßen. Da muss wohl so gut wie jeder Soldat durch.


Bild oben: Klagen über die Qualität der Kampfstiefel
ziehen sich durch die Geschichte der Bundeswehr.
(Symbolfoto: Bundeswehr/ Andrea Bienert)
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