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Von Reserven und Reformen




Viele Länder stellen derzeit ihre militärische Reserve neu auf. Doch im Mittelpunkt steht weiterhin die Landesverteidigung. Ein Überblick über verschiedene Reservesysteme der Welt.

Von Daniel Woitoll

In Russland gilt noch immer: Viel hilft viel. Russlands Armee hält nach wie vor an der Doktrin der „eine Million Männer unter Waffen“ fest – wenn auch mit schwindender Kraft. Die Reserve ist sogar doppelt so groß. Derzeit werden die Streitkräfte modernisiert, die Reserve aber spiegelt noch veraltete Ideen aus der Zeit der Sowjetunion wider. Als eine Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg war sie als klassische Aufwuchsreserve konzipiert worden, sodass sich so viele Soldaten wie möglich ins Feld schicken lassen. Nach der Ableistung ihres Wehrdiensts müssen die Russen theoretisch bis zu ihrem 50. Geburtstag für den Dienst bereit sein. Faktisch besteht die Reserve aus denjenigen, deren Wehrdienst weniger als fünf Jahre zurückliegt. Damit existieren zwar zwei Millionen Uniformen, die aber nur zu einem Bruchteil ausgefüllt sind. Eine Studie schwedischer Wissenschaftler aus dem Jahr 2013 zeigt: Russlands Reserve – ohne Training, rekrutiert aus oft schlecht ausgebildeten Wehrpflichtigen – wäre ohne zusätzliche Ausbildung kaum in der Lage, eine militärisch ernst zu nehmende Wirkung zu entfalten, zumal die Ausrüstung, auf die sie zurückgreifen müsste, so alt ist wie die Idee vom Millionenheer. Russland wird sein Reservesystem überdenken müssen.

China hat das bereits getan. Die Supermacht organisiert ihre Reserve zurzeit neu. Etwa 510.000 Chinesen werden als Reservisten geführt, hinzu kommen diverse zum Teil lokal organisierte Milizen. Das staatliche Reservesystem verfolgt ambitionierte Ziele: Jeder dritte Reservist soll künftig für 30 Tage im Jahr zu Übungen herangezogen werden. Während Chinas Armee laut aktuellem Weißbuch international zunehmend die Interessen der Supermacht vertritt, soll die Reserve jene Lücken schließen, die die ins Ausland verschickten Einheiten der Volksbefreiungsarmee reißen: im Katastrophenschutz, in der Landesverteidigung sowie bei der Abschreckung nach innen und außen. Dabei bleibt die Landesverteidigung, wie es weltweit die Regel ist, auch in China die Kernaufgabe der Reserve.

Das gilt auch für jene skandinavischen Länder, die neben den professionellen Streitkräften auch ein Milizheer unterhalten. Etwa in Dänemark, wo die Hjemmeværn (Heimwehr) die aktive Truppe entlasten soll. Die reguläre Armee des Landes ist klein und international stark engagiert. Das Nato-Gründungsmitglied hat sich selbst auferlegt, 1.500 seiner Soldaten dauerhaft im Ausland stationieren zu können. Kurzfristig sollen es sogar bis zu 5000 Dänen sein, wie zuletzt in Afghanistan und im Irak. Solche Fähigkeiten gehören zum neuen militärischen Selbstverständnis des Staates. Zur Landesverteidigung steht derweil die Heimwehr bereit, in der etwa 50.000 Mann organisiert sind. Männer wie Frauen, unter ihnen Kronprinzessin Mary, leisten freiwillig ihren Dienst als Soldaten, Polizisten oder Katastrophenschützer. Wer nicht zuvor gedient hat – theoretisch herrscht in Dänemark Wehrpflicht, praktisch melden sich für den viermonatigen Dienst genügend Freiwillige – leistet 250 Übungsstunden in drei Jahren ab oder besucht ein Bootcamp und bringt die Ausbildung in einem Rutsch hinter sich. Die Bereitschaft im Volk für den Dienst ist groß.

Das ist in Finnland genauso. Rund 80 Prozent der jungen Männer leisten dort Wehrdienst, nur etwa sieben Prozent verweigern und melden sich zum Ersatzdienst. Der Rest wird aus religiösen Gründen (Zeugen Jehovas müssen keinen Dienst an der Waffe leisten) oder aus politischen Gründen (einige Provinzen sind von der Pflicht befreit) gar nicht erst gefragt. Wer gedient hat, gilt im Anschluss für fünf Jahre als Reservist und muss in dieser Zeit an Übungen im Umfang von bis zu 100 Tagen teilnehmen. Finnland hat – wie andere skandinavische Länder – im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Lektion gelernt: Bei der Landesverteidigung verlässt man sich zuallererst auf sich selbst. Das aktive und gut funktionierende Reservesystem ist ein Ausdruck dieser strategischen Ausrichtung.

Landesverteidigung als Kerngeschäft der Reserve – Südkorea ist ein Hauptvertreter dieses militärischen Grundsatzes. Dort hat die Reserve keinen anderen Auftrag, und als Feind kommt praktisch nur einer in Frage: der Nachbar im Norden. Die gespaltene Halbinsel ist militarisiert wie kaum eine andere Region in der Welt. Mehr als 4,5 Millionen Südkoreaner sind als Reservisten registriert und nehmen an mindestens drei Tagen im Jahr an Übungen teil, um für den Einsatz bereit zu sein. Nach der Wehrpflicht, die auch in der in Südkorea stationierten 8. Amerikanischen Armee, etwa als Übersetzer, geleistet werden kann, bleiben Koreaner bis zu ihrem 33. Lebensjahr aktive Reservisten.

Während sich in Korea wenig verändert hat, da die Bedrohung seit dem Koreakrieg (1950-53) dieselbe blieb, gilt für Großbritannien seit Kurzem das Gegenteil. Das Königreich strukturiert seine Reserve zurzeit fundamental um. Der Organisationskatalog liest sich wie ein Handbuch der Strukturreformen für Streitkräfte, deren Einsatzgebiete mehr und mehr im Ausland liegen: Reduzierung, Professionalisierung, Spezialisierung. Die Zahl der Reservisten soll bis zum Jahr 2018 auf 30.000 schrumpfen. Die Streitkräfte sollen dann zu fast einem Drittel aus Reservisten bestehen. Diese Freiwilligen sollen nach einer Grundausbildung regelmäßig trainieren, mindestens 27 Tage im Jahr, um auf ihre Hauptaufgabe gut vorbereitet zu sein: die Ergänzung der aktiven Streitkräfte im Ausland. Damit wird Großbritannien eine Reserve haben, die so dicht an der Truppe ist, dass der Unterschied oft kaum noch festzustellen sein wird. Die Landesverteidigung steht erst an zweiter Stelle. Das ist dem Umstand geschuldet, dass Großbritannien hierzu vorwiegend auf die Nato und auf seine Nuklearwaffen setzt.

Frankreich hält es ebenso. Auch die Grande Nation schickt ihre Streitkräfte – und mitunter auch Reservisten – zu Einsätzen in die ganze Welt. Deutschlands Nachbar hat sein Reservesystem unterschiedlichen Ansprüchen der Dienstleistenden angepasst. Neben den paramilitärischen Einheiten gibt es zwei wichtige Bereiche: Die Réserve Citoyenne ist eine Unterstützungsreserve, in die freiwillige Bürger eingegliedert werden, die aus Interesse an der Armee ein Bindeglied zwischen der Berufstruppe und der Zivilgesellschaft bilden sollen (ähnlich den Mitgliedern des Reservistenverbands in Deutschland). Neben ihr steht die Réserve Opérationnelle, die als Alarmreserve zumeist aus ehemaligen Soldaten besteht. Fünf Jahre Dienstzeit, regelmäßige Übungen an 90 bis 120 Tagen im Jahr und die Bereitschaft, auch im Ausland Dienst zu tun, sind für diese Reservisten verpflichtend.

Bild oben:
Reservisten in China.
(Foto: Chad J. McNeeley / Department of Defense China)

Zweites Bild:
Symbolfoto: Reserve in Dänemark.
(Foto: Heri Hammer Niclasen / Haerens Operative Kommando)

Drittes Bild:
Reservisten in Großbritannien.
(Foto: Lt Col John Skliros / Crown)

Bild unten:
Reservisten in Frankreich.
(Foto: J.-J. Chatard / DICoD)

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