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Vor 25 Jahren: So war das in Kambodscha




Vor gut 25 Jahren endete der erste Auslandseinsatz der Bundeswehr mit größerer Truppenbeteiligung. Von 1992 bis 1993 beteiligten sich deutsche Blauhelm-Soldaten an der Untac-Mission in Kambodscha. Sie halfen dort beim Aufbau eines Krankenhauses, das heute als Haus der Engel bekannt ist. Carsten Ross war als Sanitätsfeldwebel in Kambodscha. Er und seine Kameraden vom dritten Kontingent mussten damals einen großen Nackenschlag einstecken.

Hatten sie sich Gedanken darüber gemacht, auf was sie sich einließen? Sie wussten zumindest, dass sie mehrere Monate weit weg von zu Hause sein würden, bis zu einem halben Jahr mit wenig Kontakt zu den Liebsten und der Familie. Sie gehörten zu den deutschen Soldaten für die Mission United Nations Transitional Authority (Untac), auf Deutsch übersetzt: Friedensmission Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen (UN) in Kambodscha. Vor gut 25 Jahren entsandte der Bundestag die Bundeswehr zum ersten Mal ein komplettes Truppenkontingent in einen Auslandseinsatz.

In der Hauptstadt Phnom Penh errichteten die deutschen Blauhelm-Kräfte ein Hospital. Es verfügte über zwei Bettenstationen, eine Isolierstation, eine Intensivstation und sieben fachärztliche Abteilungen. Zudem betrieben die Bundeswehr-Soldaten das Medical Center der UN. In drei Kontingenten wurden bis zum Ende der Mission im November 1993 insgesamt 448 Soldatinnen und Soldaten eingesetzt. Die Untac-Mission sollte die Umsetzung des 1991 in Paris unterzeichneten Friedensabkommens und die Durchführung von demokratischen Wahlen in Kambodscha gewährleisten. Zudem sollten Blauhelm-Truppen die Kriegsparteien im Land entwaffnen, den Waffenstillstand sichern und Flüchtlinge zurückführen.

Ein vom Krieg gezeichnetes Land
Sie kamen in ein vom Krieg gezeichnetes Land. Während des Vietnamkrieges fielen Bomben der US-Streitkräfte auf Kambodscha. Die US-Streitkräfte versuchten so die Nachschubwege des Vietcong zu zerstören. Der kambodschanische Staatschef Prinz Norodom Sihanouk verfolgte eine neutrale Politik seines Landes im Vietnamkrieg. Die USA warfen ihm vor, zu wenig gegen den Vietcong unternommen zu haben. Deshalb unterstützten sie im Jahr 1970 den Putsch des kambodschanischen Generals Lon Sol. Ein Bürgerkrieg entbrannte, den die kommunistischen Roten Khmer gewannen. Ihr Anführer Pol Pot riss die Macht an sich und unterdrückte das Volk mit seinem "Steinzeit-Kommunismus".

Zwischen 1975 und 1979 fielen etwa zwei Millionen Kambodschaner der Schreckensherrschaft durch Hungersnöte, Zwangsumsiedlungen, Massenmorde und Vernichtungslager zum Opfer. Als 1979 die vietnamesische Armee Kambodscha besetzte, verbündeten sich die Roten Khmer mit den Truppen des Prinzen Sihanouk und denen des Generals Lon Sol gegen die die Vietnamesen. Nach dem Kalten Krieg vermittelten die Vereinten Nationen zwischen den vier Kriegsparteien. Die deutschen Soldaten trafen also bei dem ersten größeren Auslandseinsatz der Bundeswehr auf eine vom Bürgerkrieg erschütterte Bevölkerung und auf eine tückische tropische Umgebung mit gefährlichen Insekten und giftigen Tieren. Wie kamen sie in Kambodscha zurecht? Die meisten waren dem Aufruf zur freiwilligen Teilnahme an der Blauhelm-Mission gefolgt. Sie nahmen den Beruf des Soldaten ernst, sahen es als ihre Pflicht an. Abenteuerlust war auch dabei.

Bei Carsten Ross war es eine Mischung aus beidem. Er diente in der Panzerbrigade 6 in Nordhessen. "Ich war gern Soldat", sagt der Oberfeldwebel d.R. Durch den Mauerfall kurzfristig zum Sanitätskommando I. Korps in Münster versetzt, begann er dort einen Englisch-Kurs (Berlitz-Schule) und nahm an einem Wiederaufrischungslehrgang für Operationspersonal im Bundeswehrkrankenhaus Koblenz teil. Als ein für den Einsatz vorgesehener Kamerad ausgefallen war, sprang Ross ein. An der Sanitätsakademie der Bundeswehr München wurde er mit weiteren Kameraden auf den Einsatz in Kambodscha vorbereitet. Dozenten und auch Soldaten, die mit den ersten beiden Kontingenten in Kambodscha waren, erklärten ihren Kameraden, wie sie sich gegenüber den Einheimischen zu verhalten haben, schulten die kulturellen Hintergründe und unterrichteten über Flora und Fauna. Vor Ort wurde Carsten Ross zunächst im Medical Center der UN eingesetzt, bevor er als Op-Pfleger zur Op-Gruppe im Hospital stieß. Für Carsten Ross ging ein Traum in Erfüllung.

German Field Hospital wird zum "Haus der Engel"
Er und seine Kameraden konnten endlich das tun, wofür sie ausgebildet waren. Die deutschen Soldaten behandelten im Hospital UN-Angehörige und Soldaten der Untac-Truppen. Im Laufe der Mission empfingen sie zunehmend einheimische Patienten. Das sprach sich in der Bevölkerung herum wie ein Lauffeuer. Kambodschanische Patienten kamen aus dem ganzen Land, um sich im "Haus der Engel" behandeln zu lassen. Einige nahmen dazu eine tagelange Reise mit dem Ochsenkarren auf sich. Bis zum Ende der Mission im November 1993 führte das deutsche Untac-Kontingent mehr als 115.000 ambulante und 3.500 stationäre Behandlungen durch. Die Bundeswehr-Soldaten waren in Kambodscha, weil sie dort gebraucht wurden. Die meisten von ihnen hatten zuvor wenig Gedanken darüber verschwendet, auf was sie sich in Kambodscha einlassen. Sie konzentrierten sich auf ihre Aufgaben vor Ort. "Keiner von uns hat nur an das Geld gedacht", sagt Carsten Ross, "diejenigen, die das jedoch wissentlich gemacht haben, hatten keine Freunde, weil sie oft nicht die innere Motivation hatten, Nackenschläge einzustecken."

Der erste tote Soldat im Auslandseinsatz
Einen der größten Nackenschläge erlebten die Soldaten des dritten Kontingentes am 14. Oktober 1993. An diesem Tag hielt sich Sanitätsfeldwebel Alexander Arndt außerhalb des Feldhospitals auf. Die Soldaten im deutschen Kontingent erfuhren jeden Morgen, welche Gefahrenstufe herrschte. Beim Antreten wurde ihnen entweder gesagt, dass sie das UN-Gelände aus Sicherheitsgründen nicht verlassen, oder dass sie nur mit offen getragener Waffe und wenn notwendig mit Splitterschutzweste herausfahren durften. Am 14. Oktober 1993 hielten sich Alexander Arndt und ein Kamerad in einem Restaurant in Phnom Penh auf. Als sie mit dem UN-Geländewagen zurück zum Hospital fuhren, feuerte plötzlich ein Motorradfahrer mit einer Pistole auf den Wagen. Vier Kugeln trafen Arndt tödlich. Mitten auf der Straße, am helllichten Tag.

Der Sanitätsfeldwebel war der erste Soldat, der bei einem Auslandseinsatz der Bundeswehr gefallen ist. Bei der Op-Gruppe habe sich niemand etwas anmerken lassen. Dennoch habe Arndts Tod einige Kameraden sehr mitgenommen, erinnert sich Carsten Ross. Der Oberfeldwebel d.R. war am Unglückstag nicht in Phnom Penh. Er nutzte seinen Erholungsurlaub für eine Reise ins benachbarte Vietnam. Die Nachricht von den tödlichen Schüssen auf Arndt erreichte ihn trotzdem sofort. "Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn ich vor Ort gewesen wäre", sagt Ross. "Mir ging es darum, dass meine Mutter sofort erfährt, dass ich es nicht bin", fährt er fort.

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Der tragische Vorfall hat die Männer und Frauen im deutschen Feldhospital noch enger miteinander verbunden. Carsten Ross spricht auch ohnedem von einem hervorragenden Zusammenhalt im dritten Kontingent und besonders in seiner Op-Gruppe. "Wir haben uns zu 120 Prozent aufeinander verlassen können", sagt der Oberfeldwebel d.R. "Wir kamen aus völlig verschiedenen Verbänden. Jeder hat seine Fähigkeiten eingebracht. Wir haben uns gegenseitig effektiv ergänzt."

Wie gut das Team funktionierte, zeigte ein Notfall kurz bevor das dritte Kontingent Phnom Penh verlassen sollte. Die Op-Gruppe verpackte die medizinische Ausrüstung in die See- und Luftverladecontainer, unter anderem für den ab 1993 laufenden Bundeswehreinsatz in Somalia, als ein Mädchen mit einer Kopfschusswunde eingeliefert wurde. Die Soldaten ließen alles stehen und liegen und durchwühlten die Container nach Operationsbesteck und Material zur Versorgung der Wunde. Die Operation verlief erfolgreich. Das Mädchen überlebte. Erfolgserlebnisse wie dieses und die enge Kameradschaft gaben aus der Sicht von Carsten Ross Motivation und Kraft, den Einsatz durchzustehen. Die Mitglieder der Op-Gruppe arbeiteten in sechs Tagen Schichtdienst rund um die Uhr eng zusammen und übernachteten in den gemeinsamen Unterkünften. In der Nacht gab es immer jemanden aus der Op-Gruppe, der für seine Schicht aufstehen musste. Sonntags mussten zwei Kameraden für Notfälle bereitstehen. Der Rest konnte sich ausruhen.

Gespräche statt Glotze
Der enge Zusammenhalt innerhalb der Truppe lässt sich auf Fotos aus den Unterkünften der deutschen Untac-Soldaten erahnen. In den kargen Zimmern standen die Feldbetten dicht nebeneinander. An ihren vier Ecken waren mit Klebeband Holzstangen fixiert. Daran befestigten die Kameraden ein Moskitonetz. Die Netze besorgte sich ein Großteil der Soldaten auf dem einheimischen Markt. Sie schützten vor Mücken und weiteren Insekten. In tropischen Gebieten wie Kambodscha ist die Ansteckungsgefahr von Krankheiten wie Malaria, Dengue oder Japanischer Enzephalitis hoch. Gegen die Japanische Enzephalitis waren die Soldaten mit einer Sondergenehmigung geimpft. Zwischen den Feldbetten stand ein roter Eimer und eine einfache Holzbank, auf der eine Sporttasche, ein Ventilator und Taschentücher platziert waren. In einem Holzregal mit vier Fächern lagen die olivgrünen Uniform-Hemden, Unterwäsche und bunte T-Shirts. Die oberste Etage zierte der blaue UN-Helm. Daneben standen einige Bücher und ein Aktenordner. Unter den Titeln: ein Duden, ein Langenscheidt-Wörterbuch, Englisch-Deutsch, Deutsch-Englisch und Pschyrembels Klinisches Wörterbuch. Im unteren Regalfach lagen eine Stange Marlboro-Zigaretten, eine Packung Zwieback und Musikkassetten, viele von Radio Andernach. Über diese Bänder liefen Alben von Rapper Ice-T oder Lieder der Electro-Dub-Band "Pressure Drop". Neben dem Regal stand ein kleiner Weihnachtsbaum auf der Ablage. An der steril-weißen Wand hing ein Filmposter. Es zeigte die Gesichter der Schauspieler Don Johnson und Mickey Rourke zum Action-Film "Harley Davidson und der Marlboro Mann". Einen Fernseher gab es nicht. "Wir haben miteinander gesprochen", sagt Carsten Ross.

Überraschung in der Heimatkaserne
Die Kameraden sind füreinander da, besonders nach dem Tod von Alexander Arndt. Bei der Op-Gruppe habe sich niemand etwas anmerken lassen. Dennoch habe das einige Kameraden sehr mitgenommen, erinnert sich Carsten Ross. Die Soldaten des dritten Kontingents fanden in schwierigen Situationen wie dieser oft ein offenes Ohr bei den Militärpfarrern. "Sie waren wichtige Ansprechpartner", sagt Ross. Beim Militärpfarrer konnten sich die Kameraden über Probleme ausreden. Gerade den Abenteurern, Heimatflüchtigen und "Geldgeilen", die versucht hätten mit dem Einsatz einen Ausbruch aus ihrer verzwickten persönlichen Lage in der Heimat zu starten, habe der Militärpfarrer Halt gegeben.

Nackenschläge konnten für einige Untac-Soldaten auch aus der Heimat kommen, wenn sich zum Beispiel sich der Partner oder die Partnerin von einem getrennt hatte. Wer verheiratet war und Familie hatte, durfte zumindest einmal zu seinen Liebsten in die Heimat fliegen. Unverheirateten war dies nicht vergönnt. Einige von ihnen vertelefonierten fast ein ganzes Monatsgehalt, um mit Freund oder Freundin und weiteren Angehörigen zu sprechen. Aufgrund der Zeitumstellung mussten die Kameraden dazu nachts aufstehen, die Unterkunft verlassen und extra zur Sat-Anlage gehen. "Das habe ich nicht gemacht, weil, neben den massig herumschwirrenden Insekten in der Nacht, Probleme zuhause sowieso schon gelöst waren", schilderte Ross. Der Sanitätsfeldwebel schrieb lieber Briefe und freute sich auf den Donnerstag, wenn die Feldpost aus der Heimat in Phnom Penh ankam.

Als er nach sechs Monaten Einsatz in Kambodscha seine neue Stammkaserne in Dülmen betrat, verwehrten ihm die Wachsoldaten zunächst mit seiner Uniform und der blauen UN-Mütze den Zugang. Der Standortfeldwebel, den Ross noch aus seiner Verwendung bei der Begleitbatterie 7 kannte, löste das Missverständnis. Auf dem Weg zu seiner neuen Einheit nahm ein Major der Panzerartillerie Carsten Ross gleich in "Hab-Acht", weil seine Schnürsenkel aus den Stiefeln hingen. Der Major konnte nicht wissen, dass die Soldaten in Kambodscha ihre Stiefel lockerer schnürten, damit sie keine Wasserbeine bekamen. In der Tat, Untac war der erste größere Auslandseinsatz der Bundeswehr.

Ehemaligentreffen vom 2. bis 4. November in Kassel
Die Soldatinnen und Soldaten vom ersten bis zum dritten Untac-Kontingent planen dieses Jahr ein Treffen – am Wochenende vom 2. bis zum 4. November in Kassel. Für weitere Informationen können sich Ehemalige an Hauptfeldwebel Martina Hilbig wenden: Kommando SES, Leer, E-Mail: martinahilbig@bundeswehr.org, Tel. +4949191954617.


Benjamin Vorhölter

Bild oben:
Deutsche Soldaten bereiten nach dem Untac-Einsatz
in Kambodscha die Rückführung des Materials vor.
(Foto: Carsten Ross)

Zweites Bild:
Gedenkstätte in Tuol Sleng, dem Foltergefängnis der Roten
Khmer in Phnom Penh. Insgesamt fielen ihnen von 1975 bis
1979 rund zwei Millionen Kambodschaner zum Opfer.
(Foto: Sören Peters)

Drittes Bild:
Das German Field Hospital in Phnom Penh.
(Foto: Carsten Ross)

Viertes Bild:
Die loyal-Redaktion würdigt Alexander Arndt im Januar 2016
in der Serie "Persönlichkeiten der deutschen Militärgeschichte".
Zum Vergrößern auf das Bild klicken!
(Quelle: loyal 01/2016)

Fünftes Bild:
Notaufnahme im German Field Hospital.
(Foto: Carsten Ross)

Sechstes Bild:
Ein Blick in die karge Stube der deutschen Soldaten.
(Foto: Carsten Ross)

Bild unten:
In Zeiten zahlreicher Entbehrungen sind Corned Beef aus der Konserve
und eine Dose Cola Gold wert. Auf dem Bild: Carsten Ross.
(Foto: privat)

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