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Was die Wirtschaft von der Bundeswehr lernen kann




Bei der Indienststellung der 6./203 nimmt Hauptmann d.R. Jürgen Behlke (r.) den Kompaniewimpel entgegen.

Foto: privat

Hauptmann d.R. Jürgen Behlke.

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In dieser Woche haben das Bundesministerium der Verteidigung und Reservistenverband wieder vier Unternehmen, bzw. öffentliche Verwaltungen mit dem Preis „Partner der Reserve“ ausgezeichnet – wir berichteten. Einer, der weiß, wie beide Seiten voneinander profitieren können, ist Jürgen Behlke. Der Hauptmann d.R. ist Chef der Geschäftsstelle Paderborn der Industrie- und Handelskammer und führt die 6. Kompanie des Panzerbataillons 203. Im Interview spricht er über die Vereinbarkeit von Beruf und Reservistendienst.

Herr Behlke, Sie sind Chef der 6. Kompanie des Panzerbataillons 203 und hauptberuflich im zivilen Leben leiten Sie die Geschäftsstelle der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Paderborn. Welche Eigenschaften schätzen Arbeitgeber, die ausscheidende Soldatinnen und Soldaten mitbringen?
Man bekommt schon bei der Bundeswehr Dinge mitgegeben, die man im zivilen Leben anwenden kann. Das ganze Thema Führung ist aus meiner Sicht ein nicht zu unterschätzendes Element. Zwar ist die Führungssituation in den Unternehmen in den vergangenen Jahren immer besser geworden, aber Führung ist kein durchgängiges Ausbildungsthema in deutschen Unternehmen.

Was kann die Wirtschaft hier von der Bundeswehr lernen?
Das beste Beispiel ist für mich der Führungsvorgang. Es geht grob gesagt los mit der Lagefeststellung, der Beurteilung der Lage, dem Entschluss und dann Befehle und Maßnahmen. Diese Systematik wird nahezu jedem militärischen Führer in der Bundeswehr beigebracht. Etwas Vergleichbares auf der zivilen Ebene gibt es nicht. Natürlich kann man Lehrgänge besuchen. Der eine oder andere, der das in Anspruch nimmt, hat einen Vorteil. Aber man muss sich die Stellenbesetzungspolitik bei vielen Unternehmen anschauen. Was die Besetzung von Führungspositionen angeht, ist es häufig so, dass diese Stellen, wenn sie nicht ausgeschrieben werden, oft durch den nachgeordneten Bereich belegt werden. In der Regel wird dann auch fachlich orientiert besetzt. Dass diese Person es gelernt hat zu führen, ist selten der Fall. In der Bundeswehr hingegen ist Führung ein zentrales Thema. Ohne Führung kein Gefecht, ohne Führung keine Ergebnisse. Dieses Thema lernt jeder, der Führungskraft in der Bundeswehr ist, und zwar systematisch. Das ist der riesige Vorteil. Es gibt natürlich auch Führungskräfte, die intuitiv wissen, wie sie sich zu verhalten haben. Ich denke aber, es schadet nicht, Führung systematisch beigebracht zu bekommen.

Woher kommt es, dass das Thema Führung mancherorts stiefmütterlich behandelt wird?
Ich glaube, man setzt die Prioritäten anders. Ich will das auch nicht verallgemeinern. Es ist das, was ich gesehen habe und häufig so erlebt habe. Das Thema Führung ist etwas, was sicherlich mehr und mehr Einzug in die Unternehmen findet. Der Fokus liegt aber eher auf der fachlichen Expertise. Bei einem IT-Leiter wird zum Beispiel erwartet, dass er sich mit der IT in dem Unternehmen und mit dem IT-Marktgeschehen auskennt. Dass er aber noch Leute unter sich hat, die er zu führen hat, das kommt irgendwann hinzu. Dass eine Abteilung oder ein Bereich mit guter Führung besser läuft, diese Erkenntnis setzt sich jedoch langsam durch.

Ist das ein stetiger Prozess?
Ja, der findet ständig statt. Wenn Sie keine Ausbildung in Führung haben, sind Sie der Meinung, dass das, was da passiert, richtig ist. Sie haben niemanden, der Ihnen sagt: ‚Mensch, wenn man die Möglichkeiten besser abwägt, kommt man zu anderen Entschlüssen.‘ Oder das Thema Menschenführung: wie gehe ich mit Mitarbeitern um? Was mache ich, wenn ich jemanden lobe? Was mache ich, wenn ich jemanden kritisieren muss? Wie mache ich das? Diese Dinge bekomme ich zumindest bei der Bundeswehr beigebracht.

Sie kennen sich in der Wirtschaft und in der Bundeswehr aus. Für manche Arbeitgeber ist die Freistellung für einen Reservistendienst ein schwieriges Thema. Warum?
Wenn Sie als Arbeitgeber einen guten Mitarbeiter haben, der einen Reservistendienst leisten möchte und die Bundeswehr ihn anfordert, sind Sie immer im Spannungsfeld. Dieser Mitarbeiter ist dann für ein paar Wochen im Jahr, zusätzlich zum Urlaub, nicht im Unternehmen. Man braucht zwar kein Gehalt zu zahlen, aber es fehlt die Zusatzleistung, die ein Mitarbeiter normalerweise erbringt.

In dieser Hinsicht sieht der Unternehmer in erster Linie seinen Verlust, wenn er Personal freistellen soll. Ihm zu erklären, dass er die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter besser ausgebildet zurückbekommt, ist immer eine große Überzeugungsarbeit. Idealerweise sammelt man als Reservistendienstleistender Erfahrungen, kommt beispielsweise mit der Ausbildung zum Ersthelfer Alpha zurück. Das kann wiederum ein Mehrwert fürs Unternehmen sein.

Kann man auch sagen, Reservisten kommen mit Soft Skills wie verbesserte Führungsqualitäten wieder zurück?
Das ist schwer messbar. Wenn ich sage, der Reservist hat seine Führungsqualitäten verbessert, muss der Unternehmer dies glauben und überzeugt sein, dass diese Führungsfähigkeiten auch fürs eigene Unternehmen anwendbar sein können. An dieser Stelle ist, wie schon gesagt, viel Überzeugungsarbeit notwendig. Mancher Arbeitgeber lässt sich möglicherweise nicht überzeugen, weil er dem Militär gegenüber grundsätzlich nicht positiv eingestellt ist. Manche Unternehmen haben aber auch so genannte High Potentials in ihren Reihen, die nicht freigestellt werden, weil deren Wertschöpfung größer ist als das, was ihnen als Gehalt gezahlt wird.

Bietet nun die Möglichkeit, Mitarbeiter für einen Reservistendienst freistellen zu können, auch eine gewisse Entlastung für die Unternehmen? Kann man das überhaupt so sagen?
Das passt momentan schon. Wenn man jemanden hat, für den ein Unternehmer Kurzarbeit angemeldet hat, bekommt er weniger Gehalt und arbeitet dementsprechend auch weniger Stunden. Wenn jetzt im Unternehmen für einen bestimmten Zeitraum die Aufträge fehlen, ist man eher geneigt, einen Mitarbeiter für den Reservistendienst freizustellen. Das muss aber auch mit dem Reservetruppenteil zusammenpassen. Man muss aber auch sagen, dass das eher temporär ist. Es ist ja nicht gut, wenn jemand für den Reservistendienst freigestellt wird und der Unternehmer sagt: ‚Ich bin froh, dass ich den Mitarbeiter los bin.‘ Das ist nicht der richtige Ansatz.

Was meinen Sie, müssen die Arbeitgeber schon hinter dem Konzept der Freistellung stehen?
Ja. Wenn man sagt, in begrenztem Umfang trage ich das mit, ist das sinnvoll. Es ist ja auch ganz gut, wenn man durch den Reservistendienst ein paar Impulse sammelt und Erfahrungen ins Unternehmen einbringen kann.

Wie sind Sie zur Bundeswehr gekommen und zum Chef der 6. Kompanie des Panzerbataillons 203 geworden?
Ich bin als Wehrpflichtiger 1984 zum Panzerbataillon 333 nach Celle einberufen worden. Damals habe ich mich überzeugen lassen, die Offizierslaufbahn einzuschlagen. Das heißt, es ging im Juli 1985 mit der Verpflichtung als Soldat auf Zeit für 13 Jahre los. Ich habe die Zugführerzeit vor dem Studium absolviert, damals beim Panzerbataillon 204 in Ahlen.

Danach habe ich an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg Maschinenbau studiert und bin dann zurückgekommen zum Panzerbataillon 214 nach Augustdorf. Dort war ich erst Zugführer, danach für ein knappes Jahr kommissarisch Chef der 1. Kompanie und S2-Offizier. Ich habe dann vor Ablauf der 13 Jahre die Bundeswehr aus persönlichen Gründen frühzeitig verlassen. Danach war das Thema Reserve aufgrund der geringen Bereitschaft der Arbeitgeber zunächst kein Thema mehr. Ich war aber noch im Freundeskreis des Bataillons aktiv. Vor drei Jahren hat mich der Kommandeur vom PzBtl 203 angesprochen und mich überzeugt, wieder Reservistendienst zu leisten, später dann als Kompaniechef der 6./PzBtl 203.

Was würden Sie sich hinsichtlich des Themas Reservistendienst und Wirtschaft wünschen?
Ich würde mir wünschen, dass sich die Arbeitgeber überzeugen lassen, dass es letztendlich auch ihnen einen Nutzen bringt, wenn sie Personal für einen Reservistendienst in der Bundeswehr freistellen. Das ist der Schlüssel. Schön wäre, wenn nicht nur die Akzeptanz unter den Arbeitgebern, sondern auch innerhalb der Gesellschaft allgemein höher wäre. Soldatinnen und Soldaten produzieren Sicherheit. Die ist da, aber nicht so greifbar wie das Löschen eines Feuers durch die Feuerwehr. Ich würde mir wünschen, dass es einen breiteren Konsens gibt.

Zu guter Letzt ist meine Kompanie noch auf der Suche nach weiterem Funktionspersonal. Auch wenn wir schon eine unglaubliche Ist-Stärke von knapp 70 Prozent erreicht haben, sind wir noch auf der Suche nach Panzerkommandanten, Richt- und Ladeschützen sowie Fahrern für den Leopard 2.

Herr Behlke, vielen Dank für das Gespräch!

Aus dem Archiv: Indienststellung der 6./203 (inkl. Kontakt bzgl. Beorderung)

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