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Alles andere als Standard

In modischen Fragen hat sich die Bundeswehr seit ihrer Gründung nicht mit Ruhm bekleckert, aber auch bei praktischen Aspekten der Ausrüstung drückt nicht nur der Schuh. Selbstbeschaffung heißt für viele Soldaten die Devise.

Ein Model in Marineuniform.

Foto: Schlüter Uniformen GmbH

ausrüstung

Vor einer Weile fragte die FDP im Bundestag das Wehrressort nach privat beschaffter Ausrüstung in der Truppe. Der Bendlerblock antwortete sinngemäß: Da nicht erlaubt, existiert sie nicht. Eine surreale Rückmeldung. Gerade die Kampftruppe der Bundeswehr ist durchsetzt von Selbstbeschafftem, das die Sollausstattung nicht vorsieht. Rund um die Uhr kann das sehen, wer sich durch die Social-Media-Kanäle der Streitkräfte klickt. In den Flaggschiffen der Außenwerbung, den YouTube-Serien, wird mit privater Ausrüstung sogar offensiv geworben. Auf dem Werbeplakat von „Die Mission – Bereit, dich zu schützen“ zur Battlegroup in Litauen prangt ein Panzerkommandant mit angesagtem Spezialkräftehelm samt Sprechsatz mit Gehörschutz, den es bis dato nur für die VJTF gibt. loyal hat sich in den vergangenen Monaten in der Truppe umgehört, was sich Soldaten selbst beschaffen und warum. Das Hauptmotiv, das sich dabei zeigt, ist der der Drang zur Optimierung, weniger das Beseitigen krasser Mängel.

Oberstabsärztin Constanze Eßer zu loyal: „Studien belegen, dass Frauen schneller auskühlen als Männer, da das Verhältnis zwischen Hautoberfläche und Körpergewicht ein anderes ist. Die wichtigste Ergänzung waren für mich ein Schlafsack und eine Isomatte, die passgenauer sind und so einen besseren Wärmeerhalt garantieren. Dadurch bleibe ich leistungsfähiger.“ Die 35-Jährige hat die Erfahrung gemacht, dass gerade jüngere Soldaten Defizite in der Ausrüstung durch private Beschaffung ausgleichen. Kontext dieser Einstellung ist der Wandel der Bundeswehr zur Berufsarmee. Die Zeiten, in denen eine Linieninfanterie aus Wehrpflichtigen mit Parka und Holzschaft-G3 Winterbiwak hielt, sind vorbei. Heute besteht die Kamptruppe aus Spezialinfanterie, welche die Bundeswehr im Kalten Krieg teils gar nicht hatte, wie Scharfschützen. Liegen diese tagelang auf Lauer im Schnee, brauchen sie isolierende Hightech-Bekleidung. Auch die soldatische Kernkompetenz Schießen ist anspruchsvoller geworden. Bis 1990 galt das Ziel, sowjetische Schützenreihen auszudünnen. Dafür reichte das Trainieren auf Zielscheiben, meinte die Bundeswehr.

Legendär unbeliebt

Nach den Einsatzerfahrungen von Kosovo bis Afghanistan, muss heute ein dynamisches Schießen im Vor- und Zurückgehen beherrscht werden. Dafür sollten die Soldaten ihr Pistolenholster ideal zur Körpergröße befestigen können, um flüssig die Seitenwaffe zu ziehen. Die Lochkoppel der Bundeswehr erlaubt das kaum und ist legendär unbeliebt in der Truppe. Trumpf ist maximale Modularität. Standard sind heute Gurtwesten, so genannte Chest Rigs mit dem MOLLE-System aus den US-Streitkräften. Das sind Felder, auf denen sich mit Schlaufen Taschen dicht an dicht befestigen lassen. Sie sind gängige Privatzukäufe in der Infanterie.

Mit dem Verkauf dieses Stickers sammelte ein Bundeswehr-Soldat 2.000 Euro an Spenden für afghanische Ortskräfte.

Die Spezialisierung der Ausrüstung nimmt künftig weiter zu. Der Fähnrich der Panzergrenadiertruppe Stefan Hardt (Name geändert) im Gespräch mit loyal: „Im Puma haben wir nur noch Platz für einen 20-Liter-Behälter unter unserem Sitz.“ Dabei wird die eigene Ausrüstung immer vielfältiger und kleinteiliger. Zum Kampfsystem „Infanterist der Zukunft“, das eingeführt wird, gehört der „Elektronische Rücken“ mit Systemrechner und Funkgerät nebst Akkus. Hinzu kommen weitere Dinge wie Trinkblase, diverse Ferngläser und austauschbare Visiere für die Waffen. Klein und kompakt muss Ausrüstung heute sein. Ein klobiges Brikett wie das Bundeswehr-Essgeschirr aus Alu ist längst ein störender Fremdkörper. „Jeder Soldat, den ich kenne, besorgt sich ein flaches Faltgeschirr, dass sich leicht in Hosentaschen oder Rucksack schieben lässt“, so Stefan Hardt. Essen lässt sich damit zwar nicht mehr im Feuer erwärmen; aber der Zeitaufwand, ein solches zu entfachen, sei heute meist eh zu hoch.

Der Fallschirmjäger-Leutnant Felix Dachsler (Name geändert) zu loyal: „Das Perfektionieren der eigenen Ausrüstung ist das sinnvollste, was ein Soldat tun kann. Das erhöht den Schutz und damit das Überleben.“ Mit dem Ende des Kalten Krieges sei die Begründung für unzählige Tote passé.

„Buy as you fight“

Auch in der Werbung der Bundeswehr ist selbst beschaffte Ausrüstung zu sehen. (Quelle: Bundeswehr)

Persönlicher Schutz über alles sei zunehmend das Credo westlicher Armeen, vor allem in der Bundeswehr, so Dachsler. Außerdem gehöre das Tüfteln an der Ausrüstung zum Soldatenhandwerk dazu. „Ich habe Kameraden, die sich mit einem 3D-Drucker Transportschnallen für ihre Schutzwesten gebaut haben, um unsere Mehrzweckflinte zum Türöffnen besser zu transportieren. Das sind jene, mit denen die Zusammenarbeit Spaß macht, weil hier das Streben nach Exzellenz im Beruf da ist.“ In der Bundeswehr ist das sogenannte „Buy as you fight“ vor allem bei der Infanterie und deren spezialisierten Kräften Standard, die den Special Forces nacheifern, aber nicht deren Versorgungsluxus haben, wie das KSK mit eigener Beschaffung. Die höchste Summe, die loyal von einem Soldaten für private Einkäufe an Ausrüstung genannt wurde, lag bei 5.000 Euro.

Folgende Standardausrüstung, erwähnten Soldaten loyal gegenüber en masse als Zukäufe: Ersatz für die Kampfhandschuhe in Form von Musketierstulpen. Das Innenfutter wird oft herausgerissen, da sonst die Fingerkrümmung am Abzug der Standardpistole P8 kaum möglich ist. Der De-facto-Bundeswehrhandschuh sind Modelle der Marke Mechanix, die sich Soldaten für rund 20 Euro kaufen; sie sind beliebt, da sie satt anliegen und nur bis zum Handgelenk reichen. Einfache Stirnlampen statt der Taschenlampe, um die Hände frei zu haben, gelten ebenfalls als Fehl in der Sollausstattung. Ebenso kaufen sich Soldaten gerne die hochwertige Woolpower-Wärmeunterwäsche, die bis dato nur für die VJTF vorgesehen ist und erst bis Anfang der 2030er tröpfchenweise in die Truppe kommt.

Träges Unterfangen

Dieses langsame Ausrollen besserer persönlicher Ausrüstung, wie dem neuen Kampfbekleidungssatz, belastet latent den Bundeswehr-Anspruch „Train as you fight“. Der zweite Schwachpunkt: Beim Alles-aus-einer-Hand-Moloch Beschaffungsamt mit seinem Vehikel Bekleidungsmanagement GmbH ist das Erarbeiten, Umsetzen und Nachsteuern der Ausrüstung ein träges Unterfangen; zumal die Spezialisierungen sich immer weiter verästeln. In der Truppe sehen viele das Konzept eines zertifizierten Warenkorbs als Ansatz, um zügig und präzise die diversen Ausrüstungsbedarfe in der Truppe zu decken. Das hieße, Hersteller bieten im Korb Produkte an, die Rahmenvorgaben der Bundeswehr erfüllen. Der Soldat wählt aus. Sanitätsoffizierin Constanze Eßer: „Bei den neuen Kampfstiefeln ist das vorbildlich umgesetzt. Hier haben Soldatinnen und Soldaten die Wahl zwischen mehreren Herstellern, darunter auch solche, die langjährige Erfahrung in der Entwicklung von Stiefeln für Frauen mitbringen.“ Auch aus Vorgesetztensicht gibt es klare Vorteile. Major Felix Lotzin, bis vor Kurzem Kompaniechef im Aufklärungsbataillon 6 Holstein, zu loyal: „Das wäre ein Rückgewinn an Kontrolle darüber, welches Material sich Soldaten anschaffen. Denn es gäbe einen klaren Bezugspunkt an gesicherter Qualität. Und befehlen sollte man am Ende ohnehin nur das, was man auch durchsetzen kann.“

Generalinspekteur Eberhard Zorn trägt seit Jahren gerne Tarndruck-Aufschiebeschlaufen, obwohl sie nicht erlaubt waren. Nun legalisierte er sie per Weisung. (Foto: Bundeswehr)

Aus den Gesprächen von loyal mit vorgesetzten Offizieren, zeigt sich folgende Grundlinie beim Umgang mit privaten Zukäufen: Zu Beginn gilt oft die „Keine-private-Ausrüstung-Ansage“. Je länger jedoch Vorgesetze auf ihrem Posten sind, wächst die Bereitschaft der Duldung. Kaum ein Offizier will motivierte Frauen und Männer abwürgen, die erpicht darauf sind, an ihrer Ausrüstung zu feilen. Die rote Linie sind ballistische Einlagen der Schutzwesten abseits der dienstlichen. Bei Chest Rigs, Bekleidung und Co. werden neue Soldaten angehalten, sich bei erfahrenen Kameraden zu qualitativ hochwertigen Produkten am Markt beraten zu lassen. Teils arbeiten die Vorgesetzten mit dienstlichen Erklärungen, sodass die Soldaten sensibilisiert sind und gegebenenfalls auf Ansprüche verzichten.

Von 2015 bis 2019 gab es zwei Pilotversuche mit zertifizierten Warenkörben, aus denen Soldaten ihre Ausrüstung ergänzen konnten – beispielsweise mit einer Weste, um die Tragekapazität der berüchtigten Lochkoppel zu verbessern, und einer besonders wärmenden Isolierjacke. Beide wurden eingestellt, laut Angaben des Wehrressorts wegen „konkurrierender Beschaffungskapazitäten“ zur zulaufenden neuen Standardausrüstung. Auf Deutsch: Die Industrie könnte nicht genügend Masse liefern. Am Markt zumindest produzieren die Hersteller seit Jahren genug, um ihre private Bundeswehr-Kundschaft zu beliefern. Fragen von loyal zur Privat-Beschaffung in der Truppe hatte das Beschaffungsamt bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht beantwortet.

Barett zu groß

Aus diesem Foto stammt der Ausschnitt oben. Ein Model im Sommerdienstanzug der Marine. Geschneidert nach Maß und aus besserem Stoff. (Foto: Schlüter Uniformen GmbH)

Auch in den Dienstanzug stecken Bundeswehrsoldaten Geld. Das fängt bei dessen wichtigstem Bestandteil in westlichen Armeen an – dem Barett. Diesem eine schmiegsame Form zu verpassen ist eine Kunst für sich. US-Soldaten schaben dazu sogar den Filz liebevoll mit Rasierklingen fein. Das ausgegebene Bundeswehrmodell ist jedoch zu groß, um eine gute Ästhetik zu erzielen. Gekauft wird deshalb das kleinere „Kommando-Barett“ aus den französischen und britischen Streitkräften. Dessen massenhafte Verbreitung lässt sich bei jedem Antreten beobachten. „Aber Schirmmützen kommen auch wieder, gerade bei Unteroffizieren“, meint Kathrin Schlüter. Die Unternehmerin bedient mit Schlüter-Uniformen Bedürfnisse, welche die Bundeswehr Bekleidungsgesellschaft nicht abdeckt. Dort gibt es seit geraumer Zeit nur die Marine-Variante der Schirmmütze. Bei dieser gilt zudem dasselbe wie beim Barett: Eine kleinere und damit schickere Form ist gefragt, so die Erfahrung von Kathrin Schlüter.

Seit 2018 bietet sie Dienstanzüge nach Maß über einen Onlinestore an. Damit erreicht sie vor allem die Studenten und angehenden Offiziere der Bundeswehr-Universitäten in München und Hamburg, über die loyal auf die Firma aufmerksam wurde. Die „Box Grundausstattung“ gibt es in Höhe des Bekleidungszuschuss bei der Ernennung zum Offizier – mit Maßhemd, Jacke, Hose und Seidenkrawatte. Bei der Bundeswehr-Kleiderkammer sind die Krawatten aus Polyester, die Stoffe schwerer und der Webshop seit Monaten offline. Erst wurden Wartungsarbeiten als Grund genannt, inzwischen ist von einer Neuaufsetzung die Rede, die bis Februar nächsten Jahres dauern soll.

Geordert werden muss bis dahin mit per Hand ausgefülltem Formular via E-Mail. Unternehmerin Schlüter lockt ihre Soldatenkundschaft zudem mit Extras, auf die jene anspringt – wie das Innenfutter in der Waffenfarbe zu wählen. „Vor allem Aufklärer und Marineoffiziere machen davon Gebrauch und sind bereit, für Spezielles Geld auszugeben, wie dem Einnähen von handgestickten Familien- oder Geschwaderwappen“, so Kathrin Schlüter. Bemerkenswert: Trotz des 2015 vom Heeresinspekteur Kasdorf für verbindlich erklärten Basaltgrau bei Heeresjacken lässt sich im Schlüter-Webshop weiterhin eine Option in hellgrau ordern. Laut Schlüter ist der Bedarf vorhanden, da sich niemand an die Weisung halte und manche das dienstlich gelieferte Heeresgrau für das „Kasdorf-Grau“ hielten. Tatsächlich zeigt der Kleiderkammer-Katalog jedoch ein Modell, das heller ist als der von Kasdorf festgelegte RAL-Farbton Nr. 7012 nach Farbennormskala. Generell ist fraglich, wie die Weisung eines Heeresinspekteurs für die Heeresuniformträger in SKB, Sanitätsdienst und CIR gelten soll. Somit bleiben buntes Heeresgrau wie diverse private Ausrüstung fester Bestandteil der Bundeswehr.

Zweite Klasse?

Auch beim Reservistenverband sind Uniformfragen von jeher ein sensibles Thema. Zum Beispiel die sogenannte „Reservistenkordel“. Diese schwarz-rot-goldenen Litzen mussten von Reservisten außerhalb des Dienstes stets an den Schulterklappen getragen werden. Für viele stellte dies eine ungeliebte Markierung als vermeintliche Soldaten zweiter Klasse dar. Der Reservistenverband setzte sich lange für die Abschaffung der Kordel ein und war 2019 erfolgreich.

Aktuell geht es dem Verband darum, für ältere Reservisten ein Weitertragen der Uniform zu ermöglichen. Das Problem: Spätestens mit 65 zählen Reservisten nicht mehr zum wehrrechtlich verfügbaren Personal und verlieren dann ihre Uniformtrageerlaubnis für dienstliche Veranstaltungen. Wie bei der Kordel gilt auch hier: Reservisten fühlen sich durch diese Regelung zurückgesetzt.

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