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Krisen & Konflikte

Cyberkrieger oder Schlachtfeldkämpfer?

In Israel ist eine Diskussion über den Stellenwert von Cybereinheiten gegenüber den traditionellen militärischen Dimensionen entbrannt.

Wer gilt als Kämpferin bzw. Kämpfer? In Israel wird derzeit diskutiert, ob Kämpfer auf dem Schlachtfeld und Cyberkrieger dieselbe Wertschätzung und Anerkennung verdienen.

(Foto: imago images/PhotoStock-Israel)

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Der Staat Israel sieht sich einer Vielzahl von Bedrohungen gegenüber. Um mögliche Angriffe abzuwehren, ist zu den Luft-, Land- und Seestreitkräften der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) vor einiger Zeit auch das Cyberkorps gekommen: Dort versuchen Spezialisten Bedrohungen aus dem Cyberraum wie Hackerangriffe frühzeitig zu identifizieren und zu bekämpfen. Diese Dimension bekommt eine immer größere Bedeutung, kann doch beispielsweise auch kritische Infrastruktur lahmgelegt werden – eine möglicherweise kriegsentscheidende Gefahr. Hier sind Spezialisten gefragt. Schon vor dem Beginn der Wehrpflicht arbeitet die Armee mit Schulen zusammen, um Jugendliche für Informatik zu begeistern. Als Rekruten können die interessierten jungen Menschen dann ihre Fertigkeiten in den Cybereinheiten der IDF einbringen. Nach dem Grundwehrdienst bietet ihnen das Militär die Möglichkeit, sich freiwillig weiterzuverpflichten und sich dabei auch weiterzuqualifizieren. Verwendungen in Cybereinheiten gelten als lukrativ, weil sie den Soldaten nach dem Ausscheiden gute Chancen bieten, in attraktive Positionen bei Start-ups oder der Industrie einzusteigen und dort Karriere zu machen.

Nun ist in Israel eine Diskussion darüber entbrannt, wie Cybersoldaten einzuschätzen sind. Sind sie den Kämpfern, die im Feld womöglich unter Geschützfeuer liegen und den Krieg am eigenen Leibe spüren, gleichgestellt? In dieser Frage wandte sich Generalstabschef Aviv Kochavi im vergangenen Dezember anlässlich der Abschlussfeier eines Pilotenkurses gegen die Vorstellung, die Besten eines Jahrgangs sollten den Cybereinheiten der Armee beitreten. Kochavi betonte eine traditionelle Sichtweise: „Die Besten sind diejenigen Kämpfer, die einen Beitrag für das Land leisten, indem sie ihr Leben zu riskieren, um andere Menschen zu schützen.“ Kochavis Äußerungen trafen den Kern der Diskussion und verwiesen auf den inzwischen in der Öffentlichkeit weitverbreiteten Gegensatz zwischen dem klassischen Bild einer Armee mit Panzern und Artillerie und dem der als steril angesehenen Cybereinheiten. Letztlich geht es um das militärische Selbstverständnis.

Für Generalmajor a.D. Roni Numa, zuletzt von 2015 bis 2018 Befehlshaber des IDF-Zentralkommandos, drückt sich dieser Wandel in zwei Fragen aus: Wer gilt heutzutage als Kämpfer? Und was macht die Qualität eines Kämpfers aus? Numa beantwortet beide Fragen so: „Ein Kämpfer ist jemand, der Grenzen überschreitet. Das Überschreiten einer Grenze im Cyberraum macht einen Soldaten nicht zum Kämpfer.“ Und die Qualität? „Wenn ich einen Kandidaten habe, der sowohl ein Kämpfer als auch ein Nachrichtenoffizier sein könnte, für welche Rolle soll ich ihn ausbilden? Es gibt einen Wettbewerb um Qualität. Jeder Befehlshaber möchte die Besten haben.“ Im modernen Krieg könnten die Qualitäten eines kämpfenden Soldaten im Feld nicht mehr so wichtig sein wie die eines Cyberkriegers, so seine Befürchtung.

Numa legt deshalb großen Wert auf soziale und wirtschaftliche Wertschätzung gegenüber den Kämpfern. Beides dürfe nicht zurückstehen: „Kämpfer müssen Vorrang haben, weil sie ihr Leben aufs Spiel setzen. Die Befehlshaber der Zukunft werden wissen, wie sie Cybertools in einen Einsatz effizient integrieren können. Doch Daten können unvollständig sein oder ganz fehlen. Dann braucht die Armee Soldaten, die das klassische Handwerk beherrschen, denn die Cyberdimension gibt nicht auf jede Situation eine Antwort.“ Das zeigt sich sehr deutlich im aktuellen Krieg Russlands gegen die Ukraine. Der Cyberspace ist hier nur eine zusätzliche Dimension zu dem, was am Boden und in der Luft passiert.

Brigadegeneral Danny Harari, der von 2005 bis 2009 Befehlshaber der Einheit 8200 war, ist mit Numas Definition des „Grenzübertritts“, wie sie ein Kämpfer vornimmt, nicht einverstanden. Er gibt zu bedenken, dass auch ein Soldat, der eine Drohne von Israel aus lenkt, die Software dafür schreibt oder fremde Cyberangriffe aufdeckt und abwehrt, seinem Land dient. „Jeder dient auf seine Art und Weise der Armee und dem Staat, egal, ob er eine Waffe trägt oder nicht.“ Es sei nicht zu befürchten, dass es den Feldeinheiten an hervorragenden Bewerbern mangelt, so Harari, weil der Zugang zur Einheit 8200 beschränkt ist. Andererseits muss man fragen, wo der größere Mehrwert eines Bewerbers mit Master-Abschluss in Mathematik liegt. Beispiel Alan Turing: Hätte die britische Armee im Zweiten Weltkrieg einen solchen Mann in einen Kampfeinsatz an der Front schicken sollen anstatt ihn den Enigma-Code der Deutschen knacken zu lassen?

Harari hebt ebenso wie Generalmajor a.D. Dan Efrony, der von 2011 bis 2015 als Militärstaatsanwalt diente, die ethischen Fragen hervor, die sich sowohl für einen Soldaten stellen, der den Abzug seiner Waffe betätigt, als auch für einen Kampfunterstützer, der eine bewaffnete Drohne steuert oder Software für Cyberangriffe schreibt. Kampfeinsätze gehören ebenso wie Cyberoperationen zum modernen Kriegsgeschehen. Efrony betont, dass die Kriegsgesetze, die im Laufe der Jahre für das konventionelle Schlachtfeld formuliert wurden, bereits Antworten für die meisten Fragen böten, aber ihre Anwendung auf die Cyberkriegsführung keineswegs einfach sei. „Die Frage ist, wie die rechtliche Verantwortung im Zeitalter künstlicher Intelligenz geregelt ist. Die Diskussion darüber hat begonnen. Die rasche technologische Entwicklung macht die ethische Herausforderung noch komplexer.“

Es ist offensichtlich, dass eine moderne Armee Cybereinheiten ebenso braucht wie Kämpfer. Welche Wertschätzung und Anerkennung die jeweiligen Einheiten verdienen, dürfte aber weiterhin in der israelischen Öffentlichkeit diskutiert werden.

Dr. Keren-Miriam Adam wurde in Israel geboren. Studium unter anderem der Middle East Studies in Tel Aviv und Jerusalem. Seit 2011 lebt sie in Deutschland, wo sie unter anderem an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg unterrichtet. Von 2020 bis 2022 war Adam Vertretungsprofessorin für Interkulturelles Management an der Hochschule Harz in Wernigerode.

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