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Bundeswehr

Gebt uns Pathos!

Fehlende Vorbilder, wenig Tradition: Soldaten wollen wissen, wofür sie kämpfen. Doch die Sinnsuche bleibt ihnen selbst überlassen. Ein Bericht eines einsatzerfahrenen Soldaten.

Symbolbild.

Montage: Ruwen Kopp für loyal

loyal

Unser Auftrag ist klar“, sagte der Kompaniechef mit kräftiger Stimme. „Wir müssen in den nächsten Wochen so viel wie möglich über Gegner, Bevölkerung und unser Gelände erfahren. Wir sind hier, weil wir uns diese Arbeit ausgesucht haben, jeder Einzelne von uns. Und ich bin fest davon überzeugt, dass wir für diese Aufgabe bereit sind!“ Dann erhob er seine Stimme: „Treue um Treue!“  Die Kompanie schmetterte diese drei Worte im Chor zurück und brach zur nächsten Mission auf. Diese Ansprache trug sich im Jahr 2010 in Afghanistan zu. Die Bundeswehr war bereits seit neun Jahren in diesem Einsatz. Ich war Teil einer Kompanie von Fallschirmjägern und Panzergrenadieren. Wir hatten gerade diejenigen Kameraden abgelöst, die während des Karfreitag-Gefechts drei Tote und zahlreiche Verwundete beklagt hatten. Nur wenige Wochen zuvor standen wir während der Trauerfeier im Spalier während die Särge der Gefallenen vorbei rollten. Nun befanden wir uns selbst in Afghanistan. Ich war 25 Jahre alt und Stabsgefreiter im Golf-Zug.

Johannes Clair

„Treue um Treue“ wurde 2014 in der Bundeswehr verboten. Zu sehr würde die zivile Öffentlichkeit den Ausdruck mit den Wehrmachtsfallschirmjägern in Verbindung bringen, so die Argumentation. Obwohl dieser Spruch schon aus der Zeit der Befreiungskämpfe gegen Napoleon stammt. Meine Meinung ist: Es wurde viel Sinnstiftendes entfernt, vieles davon zu Recht. Es wurde aber praktisch nichts unternommen, um Sinnstiftendes hinzuzufügen, das Soldaten emotional abholt. Weder die Bundeswehr, noch die politisch Verantwortlichen in Ministerium und Bundestag schaffen es im Moment, den Soldaten ein modernes Selbstbild zu vermitteln. Es müsste ein Selbstbild sein, das sowohl mit den Aufträgen der Bundeswehr als Instrument der Außenpolitik als auch unseren gesellschaftlichen Werten Schritt halten kann.

Denn: Es gibt in der Bundeswehr keinen omnipräsenten Esprit de Corps, wie er zum Beispiel im U.S. Marine Corps gelebt wird. Dort steht das Verankern eines speziellen Wir-Gefühls über allem. Die harte Ausbildung, die man etwas zugespitzt als „erst brechen und dann im Sinne des Corps wieder aufbauen“ zusammenfassen könnte, führt zu einem maximalen Identifizierungsgrad der Soldaten mit ihrer Einheit und bestimmten Werten. Etwas Vergleichbares wäre aus gutem Grund in der Bundeswehr nicht sinnvoll, weil die Bundeswehr es sich zum Ziel gesetzt hat, das Individuum besonders zu schützen. Trotzdem bleibt die Frage der Identifikation mit diesem besonderen Beruf und seinen besonderen Umständen.

Dass diese Identifikation in Deutschland zurückhaltend ausfällt, hat historische Gründe und ist eine positive Errungenschaft. Vor allem die Nazizeit, in der die Wehrmacht Hitlers Befehlen folgte, einen verbrecherischen Krieg führte und sich an der Vernichtung ganzer Volksgruppen beteiligte, ist der Grund für diese berechtigte Skepsis. Dazu kommt, dass Deutschland und damit die Bundeswehr kein klares sicherheitspolitisches Ziel zu verfolgen scheint. Zwar gab es immer wieder Weißbücher, in denen die sicherheitspolitischen Leitlinien Deutschlands umrissen wurden. Das jüngste wurde im Jahr 2016 publiziert. Aber erstens waren die Weißbücher in der Regel schwammig formuliert und zweitens sind Bundesregierung und Bundestag in der Vergangenheit immer wieder der Frage ausgewichen, was der Einsatz von Militär eigentlich bedeutet und wie er sich auswirkt.

Es fehlte an Leit- und Vorbildern

Deshalb fiel es der Politik auch immer schwer, den Bürgern Auslandseinsätze zu vermitteln. Der Afghanistaneinsatz ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Vor allem die Zehntausenden Einsatzveteranen, wie ich einer bin, wollen aber wissen, warum sie in Auslandseinsätze geschickt werden. Der rein militärische Auftrag war uns immer klar. Er umfasste in Afghanistan in der Regel Patrouillen, Schaffung oder Betreuung von Infrastruktur, Ausbildung oder Kommunikation mit der örtlichen Administration, manchmal auch den Kampf mit dem Gegner. Aber es fehlte an Leit- und Vorbildern und Ritualen.

Dabei gibt es positive Beispiele, sichtbar durch Umbenennungen von Kasernen oder der Stiftung des Ehrenkreuzes für Tapferkeit. Auch halten sich die deutschen Soldaten im In- und Ausland an die Artikel des Grundgesetzes. Aber zwischen einem reinen Abspulen von Regeln und der tiefen Überzeugung, warum und wofür man eingesetzt wird, wofür man letztendlich kämpft, liegt ein bedeutender Unterschied. Auch das Konzept vom „Staatsbürger in Uniform“- zu Recht ein wichtiges Leitbild für jeden Soldaten ist emotional zu wenig greifbar, um es im Feuergefecht oder auf dem virtuellen Schlachtfeld vor sich hertragen zu können.Es ist mehr ein Korrektiv als ein greifbares Motiv für die tägliche Routine.

Was es braucht, sind reale Vorbilder, greifbare Bilder, konkrete Motive. Während des Kalten Krieges wurden diese nicht gepflegt. Die Soldaten des Kalten Krieges stützten sich manchmal auf überholte Wehrmachtsparolen wie „Klagt nicht, kämpft“. Es gab ein klar definiertes sicherheitspolitisches Ziel und einen klaren Auftrag. Mit dem Wegfall des Warschauer Pakts und dem Beginn der Auslandseinsätze entfiel beides. Auch damals gab es übrigens neue Helden und ihre Geschichten. Sei es der mutige Flug von Oberstleutnant Klaus Berke, der es 1976 als Phantom-2-Pilot schaffte, eine Mig-21 der NVA über der Ostsee so auszumanövrieren, sodass es zum ersten Mal gelang, Details über Einsatztaktiken der damals gegnerischen Luftwaffe zu erlangen. Sein Flug ist heute nahezu vergessen. Oder der Tod von Erich Boldt, immerhin Namensgeber der Unteroffiziersschule des Heeres. Feldwebel Boldt warf sich 1961 auf dem Truppenübungsplatz Putlos auf eine Sprengladung, die in den Deckungsgraben zurückgerollt war. Der 28-Jährige rettete durch seinen beispielhaften Mut zwei untergebenen Soldaten das Leben. Und nicht zu vergessen die neuen Träger des „Ehrenkreuzes für Tapferkeit“. Solche neuen Helden und ihre Geschichten sind nicht sinnstiftend in den Alltag der Truppe eingeflossen.

Das Kämpfen ist kaum vermittelbar

Schwer macht die Identitätsfindung, dass die Bundeswehr derzeit mit sehr vielen verschiedenen Herausforderungen ringt. Es gibt weiterhin gefährliche Stabilisierungseinsätze wie in Mali. Gleichzeitig aber sehen sich unsere osteuropäischen Nato-Partner von Russland bedrängt. Für die Soldaten bedeutet diese Bedrohung des Bündnisgebiets durch ein anderes Land die Rückkehr zum reinen Üben und Abwarten wie während des Kalten Krieges. Es gibt eine Hybridisierung des Kriegs. Und schließlich entsteht mit Angriffen im virtuellen Raum ein vollkommen neues Konfliktfeld, das nicht nur völlig andere Strategien, Taktiken und Ressourcen erfordert, sondern letztendlich gänzlich andere Mitarbeiter innerhalb der Streitkräfte hervorbringen wird. Gleichzeitig wird die Zukunft der Nato diskutiert und die Bundeswehr muss sich um die Rekrutierung neuer Soldaten kümmern. Sind Schlagworte wie Treue, Kameradschaft, Kampf und letztendlich Tradition angesichts der derzeit immer weniger geführten Gefechte und der Verlagerung hin zum Cyberwar überhaupt notwendig?  Das Kämpfen, das sich kein deutscher Soldat wünscht, auf das sich aber jeder Soldat vorbereitet, ist jungen Menschen in Westeuropa heute kaum mehr vermittelbar. Inhalte und Programm der Ausbildung wurde vielmehr so angepasst, dass sie modernen arbeitsrechtlichen Standards entsprechen. Das stößt vielfach bei Soldaten auf Widerstand, die nicht nur die alten Ausbildungen absolviert, sondern in den Kampfeinsätzen den Alltag des Krieges hautnah erleben mussten. Die Herausforderung besteht darin, dass das Aufwachsen junger Menschen im sicheren Wohlstand und die Realität in Einsatzländern und Kriegssituationen immer weiter auseinander klaffen und die Bundeswehr beides verbinden muss.

Es mag Bürgern eines Landes, die von einer gewaltigen Friedensdividende profitieren, nicht gefallen, aber Pathos kann in schwierigen Situationen helfen. Ich verstehe Pathos als leidenschaftliche Bewegtheit.  Diese ließe sich auch für unsere wertvollen bundesrepublikanischen Werte beleben. Aber Pathos muss richtig dosiert und vor allem von einer klaren Verbundenheit zu bestimmten Werten getragen und durch Rituale verfestigt werden. Im Sport sind solche Rituale längst etabliert. Man denke etwa an die Kreise, die Volley- oder Fußballspieler vor dem Spiel bilden, oder die pathetischen Motivationsreden eines Jürgen Klinsmann in der Kabine. Psychologen wissen schon lange: Ein gewisses Pathos hilft beim Bewältigen schwieriger Situationen, die Mut und Kampfgeist erfordern. Der Ursprung sportlicher Rituale sind die Kriegerrituale der Vergangenheit. In allen Kulturen finden sich Hinweise darauf, wie sich Kämpfer auf den Kampf vorbereitet und sich danach davon gelöst haben. Sei es durch Tänze, Opfer, Triumphzüge oder Zeremonien. Als „Ritual Cleansing“ bezeichnete dies Karen O’Donnell, Theologin der Durham University. Es geht also letztendlich auch um seelische Gesundheit, wenn Soldaten über Symbole und Rituale emotional abgeholt und unterstützt werden. Die Motive zu liefern, ist Aufgabe unserer Politik.

Verbindung zu ihrer Fahne ist den Soldaten fremd

Aber im Moment werden die wenigen greifbaren Symbole, die es für die Bundeswehr gibt, bestenfalls stiefmütterlich behandelt. So gibt es zwar die Fahne mit den Freiheitsfarben Schwarz-Rot-Gold, die seit der ersten demokratischen Revolution auf deutschem Boden für Einigkeit und Recht und Freiheit und damit für bundesrepublikanische Werte steht. Aber die Verbindung zu ihrer Fahne ist den Soldaten so fremd, dass vielen – so meine Erfahrung nach rund zwölf Jahren als Soldat – sogar das morgendliche Hissen im Wachdienst eher lästiges Übel als ehrenvolles Ritual ist. Hier lohnt sich auch der Blick ins Ausland: Wie auch die Fahne wird der Dienstanzug von Soldaten aller Laufbahnen mit sichtbarem Stolz und Würde getragen, auch außerhalb der Kaserne. In Deutschland würde es sich lohnen, stärker zu zeigen, dass man über die Uniform auch auf die Werte stolz sein kann, die sie repräsentiert.

Einzig der Slogan „Wir.Dienen.Deutschland.“ ist seit 2011 ein erster bedeutender Schritt, damit  Soldaten und Zivilwelt verstehen, was dieser Beruf bedeutet. Er bedeutet, Treue zu den Kameraden (Wir), zur Aufgabe (anderen Menschen dienen) und zum Land (Bundesrepublik Deutschland) zu leben. Auch, wenn dies gegen einen allgemeinen Gesellschaftstrend des Individualismus gehen sollte: Es wäre ein Alleinstellungsmerkmal der Bundeswehr, diese Treue als Teil der soldatischen DNA hervorzuheben. Sie muss in den alltäglichen Dienst transportiert werden. Ein erster Schritt könnte sein, den Slogan „Wir.Dienen.Deutschland“ nicht nur als Marketinginstrument zu nutzen, sondern zum Beispiel als Ritual beim Antreten zu verwenden. Viele weitere Schritte und sinnvolle Rituale könnten folgen.

Bildnachweise
Jonas Ratermann; privat; Petr Losert via wikipedia, Christian Wiediger via unsplash; Montagen: Ruwen Kopp

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