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„Wer truppennah ist, bleibt Oberstleutnant“




Soldaten bei der Ausbildung. Achim Wohlgethan beklagt, dass sie oft ihre Ausrüstung privat beschaffen müssen - und damit dann keinen Versicherungsschutz haben.

Foto: Bundeswehr/Jane Schmidt

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Der Fallschirmjäger und Afghanistan-Veteran Achim Wohlgethan hat eine Abrechnung geschrieben. In seinem Buch „Blackbox Bundeswehr“, das soeben erschienen ist, listet er gnadenlos das Versagen auf, das zu dem katastrophalen Zustand der Streitkräfte geführt hat. loyal führte mit Wohlgethan das erste Interview dazu. Auch im Gespräch hat sich der Autor keine Zurückhaltung auferlegt.

Wir müssen eines vorausschicken: Sie arbeiten für den Deutschen Bundeswehrverband, legen aber Wert darauf, nicht für den Verband zu sprechen. Sie sind täglich bei der Truppe und sehen deren Zustand, da hat sich offenbar eine Menge Wut angesammelt.  Geht es Ihnen besser, nachdem Sie sich diese Wut vom Leibe geschrieben haben?
Ich stelle immer wieder fest, wie wenig die Politik und die Öffentlichkeit es interessiert, wie es unseren Soldaten geht. Als ehemaliger Soldat kommt bei all dem, was ich erlebe und sehe, eine Menge Frust zusammen, das gebe ich zu.

Wenn man Ihr Buch liest, fragt man sich: Ist die Bundeswehr noch zu retten?
Ja, das ist sie, wenn man unkonventionelle Methoden anwenden würde. Nehmen Sie die Materialbeschaffung: Wenn man bei Partnern das kauft, was da ist. Das gilt für Großgerät ebenso wie für persönliche Ausstattung und Kleinigkeiten, die aber für den militärischen Alltag wichtig sind. Die Bundeswehr hat den Fehler gemacht, dass sie vieles outgesourct hat, was besser in der Truppe geblieben wäre. Und sie hat einen zu großen Beamtenapparat aufgebaut, der eher behindert als nützt. Wir brauchen an den entscheidenden Stellen erfahrene Leute – und da setze ich ganz klar auf ehemalige Soldaten. Reservisten wissen, was in der Truppe los ist, haben Erfahrungen in Zivilberufen und würden manches besser machen, als es bislang läuft.

Gehen wir mal ins Detail. Sie beschreiben auf mehr als 300 Seiten, in welch erbärmlichem Zustand sich die Bundeswehr befindet. Wenn Sie eine Shortlist der drei wichtigsten Probleme aufstellen müssten – welche wären das?
Problem Nummer 1 ist die Personalgewinnung. Nummer 2: das kontraproduktive Outsourcing ureigener militärischer Aufgaben. Und Problem Nummer 3 ist die falsche Prioritätensetzung beim Geld. Wir müssen erst einmal eine Basis-Einsatzbereitschaft herstellen. Dann kommt alles andere.

All diese Probleme führen nach Ihrer Einschätzung zu einem Zustand der Bundeswehr, der gegen das Grundgesetz verstößt. Das ist starker Tobak. Wie kommen Sie zu dieser Bewertung?
Im Grundgesetz heißt es, dass der Bund Streitkräfte zur Verteidigung aufstellt. Das bedeutet, dass diese Streitkräfte auch zur Verteidigung in der Lage sein müssen. Das sind sie aber nicht. Wenn ein Soldat keine vernünftigen Schuhe, keine Schutzausrüstung hat, dann kann er seinen Auftrag nicht erfüllen. Wenn es in der Truppe überall an allem mangelt, dann kann sie ihren Auftrag nicht erfüllen. Deshalb ist der derzeitige Zustand der Bundeswehr verfassungswidrig.

Achim Wohlgethan. (Foto: privat)

100 Milliarden Euro stehen der Bundeswehr seit der Zeitenwende-Rede des Kanzlers vor einem Jahr zusätzlich zur Verfügung. Ausgegeben wurden davon bislang 0,6 Prozent. Was würden Sie als erstes beschaffen? Was ist am dringendsten?
Die Bundeswehr ist zur Landes- und Bündnisverteidigung da. Dazu müssen die Verbände komplett – und ich betone: komplett – ausgerüstet sein. Das fängt beim Schuh an, geht über den Helm und endet bei komplexen Waffensystemen. Wenn sich Soldaten ihre Ausrüstung auf eigene Kosten für sehr, sehr viel Geld zusammenkaufen müssen, weil der Dienstherr seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, und ihnen dann womöglich noch gesagt wird, dass sie damit gar nicht versichert sind, dann geht das so nicht. Ich möchte, dass jeder Soldat einen Spind mit all dem hat, was er für seine Einsätze braucht. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist so einfach – und offenbar dennoch so schwer.

Was Sie im Buch sarkastisch „Allheilmittel“ nennen – nämlich die externen Berater – verdammen Sie in Wahrheit als Ausdruck des Versagens der politischen Führung. Konnten Sie mal mit einem der vielen Berater sprechen, die im Ministerium ein- und ausgegangen sind?
Es ist für mich sehr schwer, an diese Leute ranzukommen, weil sie auf einem ziemlich hohen Stuhl sitzen und von sich überzeugt sind. Sie denken, sie wüssten alles besser. Nach außen hin erklären uns die Berater, es sei doch alles bestens. Sie sagen uns nicht die Wahrheit, weil sie sonst ihren Job verlieren würden. Die Beratungsunternehmen, die diese Leute ins Ministerium schicken, wollen der Bundeswehr ja etwas verkaufen – ihre Beratungsleistung. Sie werden immer im Sinne des Auftraggebers argumentieren und sagen, was der hören will. Die Bundeswehr braucht diese Leute übrigens auch gar nicht, weil sie eigene Experten für alles mögliche in der eigenen Truppe oder im großen Kreis der Reservisten hat. Wer das Militär beraten will, muss aus dem Militär kommen und nicht aus zivilen Unternehmen.

Wie wirkt es auf Sie, wenn sich eine Armee nicht mehr selbst bewachen kann? Mehr als 400 Millionen Euro gibt die Bundeswehr für private Sicherheitsdienste aus. Und Sie lassen kein gutes Haar an den Zivilisten, die an der Wache sitzen und die am Kasernenzaun Streife laufen.
Es gibt durchaus Menschen im zivilen Wachschutz, die im Normalbetrieb eine gute Figur machen. Aber ob das allgemein gilt, möchte ich bezweifeln. Wenn Sie an eine Kaserne mit einer militärischen Wache kommen, haben Sie schon rein optisch einen ganz anderen Eindruck. Aber das Problem ist doch der Ernstfall oder der Krisenfall: der Einsatz im Ausland, die Landes- und Bündnisverteidigung. Dann ist es definitiv kontraproduktiv, wenn man auf Zivilisten angewiesen ist, die für solche Situationen gar nicht ausgebildet sind oder schlicht nicht zur Verfügung stehen. Eine Armee, die sich auf zivile Kraftfahrer verlässt, wird im Zweifelsfall nicht mal in die eigenen Verfügungsräume verlegen können.

Der Grund für das Outsourcing bei der Bundeswehr war, dass sich die Truppe dann auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren kann. Ist das kein überzeugendes Argument für Sie?
Auf keinen Fall. Ich weiß nicht, wo das Problem liegt, wenn man in der Truppe einmal am Tag rotierend Soldaten zum Wachdienst abstellt. Das schult doch eher die militärischen Fähigkeiten.

Sie hatten eben als eines der drei Hauptprobleme der Bundeswehr die Personalgewinnung genannt. Wenn ich die entsprechende Passage in Ihrem Buch lese, macht die Bundeswehr dabei so ziemlich alles falsch, was sie falsch machen kann. Können Sie uns ein paar prägnante Beispiele nennen?
Das Problem fängt schon bei der Begrifflichkeit an. Das Wort „Karrierecenter“ ist falsch. Es löst falsche Assoziationen aus. Es müsste „Rekrutierungsbüro“ heißen, denn darum geht es doch. Wenn man ein Karrierecenter betritt, sieht man erst einmal geradezu utopische Bilder: Fotos von Spezialkräften, Marinesoldaten vorm Sonnenuntergang und so weiter. Später treffen die Rekruten in ihrer Einheit ein, und das erste, was sie erhalten, ist ein Koppeltragegestell aus dem Jahr 1990. Dann ist es vorbei mit der Illusion.

Was wäre also zu tun?
In den Rekrutierungsbüros brauchen wir erfahrene Soldaten, die wissen, wovon sie reden. Mir berichten Soldaten über ihre Erfahrungen in den sogenannten Karrierecentern, dass Zivilisten vor ihnen saßen, Verwaltungsangestellte, die nie gedient haben. Wie soll solch eine Person realistisch über die Truppe informieren? Ein weiteres Problem ist, dass die Liste der freien Stellen in den Karrierecentern nie auf dem neuesten Stand ist. Von vielen freien Stellen wissen die gar nichts. Die Meldekette Truppe-Karrierecenter funktioniert nicht. Infolgedessen werden die künftigen Rekruten oft komplett falsch beraten und in eine Richtung geschoben, in die sie gar nicht wollen. Wir haben eine Abbrecherquote unter den Rekruten von 40 Prozent. Das liegt auch daran, dass diesen jungen Menschen einfach nicht die Wahrheit gesagt wurde.

Und wenn die Rekruten in der Truppe sind, werden sie nicht adäquat ausgebildet…
Richtig. Wobei den Ausbildern gar kein Vorwurf zu machen ist. Sie leisten Großartiges angesichts des Wenigen an Material, was sie zur Ausbildung zur Verfügung haben. Es gibt zu wenig Munition, zu wenig Transportmöglichkeiten, es fehlt an allem.

Bleiben wir noch kurz beim Personal. Sie kritisieren, dass es in der Bundeswehr zugespitzt gesagt mehr Oberstleutnante als Obergefreite gibt. Sie sprechen von „lauter Generälen und keinen Truppen“. Und dass mit dem Aufstieg in höhere Dienstgradgruppen ein „Verlust an Integrität und Nähe zur Truppe“ einhergeht. Woran machen Sie das fest?
Das habe ich von so manchem Bataillonskommandeur gehört. Die haben mir gesagt, am liebsten würden sie noch zwei, drei Jahre länger auf diesem Posten bleiben, um die Nähe zu ihrer Truppe zu behalten und als Oberstleutnant noch einiges zu bewirken. Stattdessen müssen sie nach einer gewissen Zeit in irgendein Amt, ins Ministerium oder sonstwohin in einen Stab. Auch sagen sie mir, dass man ab Dienstgrad Oberst Politiker ist und mehr denn je aufpassen muss, was man sagt. Wir wissen es doch alle, dass ein Stabsoffizier, der etwas werden will, ganz schnell von oben geblockt wird, wenn er auch nur einmal negativ auffällt. Wer wirklich truppennah ist, der bleibt Oberstleutnant. Danach ist es vorbei mit dem, was einen Soldaten ausmacht. Danach ist man nur noch Politiker.

Wenn Sie Offizieren vorwerfen, viele von ihnen wollten immer nur „gut dastehen“: Haben Sie das Gefühl, dass das Prinzip der Inneren Führung nicht mehr greift?
Man macht zumindest immer wieder negative Erfahrungen. Wenn sich beispielsweise jemand aus dem Ministerium zu einem Truppenbesuch anmeldet, dann setzt der betroffene Truppenkommandeur Himmel und Hölle in Bewegung, damit sein Verband gut aussieht. Oft werden geradezu Potemkinsche Dörfer aufgestellt, nur damit die eigene Truppe gut dasteht. Mit dem echten Truppen-alltag hat das nicht viel zu tun. Für mich bedeutet Innere Führung, dass sich der Vorgesetzte auf allen Ebenen für seinen Untergebenen einsetzt und nicht, dass Luftschlösser gebaut werden.

Sie beklagen, dass das Selbstverständnis der Truppe erschüttert ist. Woran liegt das – und was muss getan werden, damit ein Soldat wieder stolz darauf sein kann, Uniform zu tragen?
Die Öffentlichkeit muss zum Ausdruck bringen, dass sie hinter unseren Soldaten steht. Soldaten brauchen den Rückhalt der Politik. Die Politik sollte aufhören, ein einzelnes Fehlverhalten als allgemeines Problem darzustellen oder der Truppe gar ein Haltungsproblem zu unterstellen, wie es mal eine Verteidigungsministerin getan hat. Andererseits muss der Soldat vernünftig ausgerüstet und angezogen sein und sich auch als Soldat verhalten, damit er ein entsprechendes Bild in der Öffentlichkeit abgibt.

Welche Bedeutung haben Reservisten für eine funktionierende Verteidigungsfähigkeit Deutschlands?
Reservisten müssten viel mehr Unterstützung bekommen. Sie haben eine enorme Fachkenntnis, die die Truppe unbedingt braucht. Reservisten gieren häufig danach, Kontakt zur Truppe zu halten. Das muss stärker gefördert werden. Ich bin zum Beispiel der Meinung, dass Arbeitgeber nicht das Recht haben sollten, eine Wehrübung abzulehnen. Reservisten könnten im Ernstfall das letzte Bollwerk sein. Deshalb brauchen sie jede Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu erhalten.

Trotz allem: Warum soll ein junger Mensch, der etwas für sein Land tun will, zur Bundeswehr gehen – vielleicht auch, gerade nachdem er Ihr Buch gelesen hat?
Viele Soldaten antworten mir auf meine Frage, warum sie hier sind, dass sie ihre Heimat schützen wollen. Das ist eine ganz starke Motivation. Soldaten machen in der Bundeswehr Erfahrungen, die sie nirgendwo anders machen können. Und diese Erfahrungen sind Erfahrungen für eine gute Sache.

Vielen Dank für das Gespräch.


Achim Wohlgethan geboren 1966 in Wolfsburg, diente als Fallschirmjäger bei der Bundeswehr. „Endstation Kabul“, der Tatsachenbericht über seinen Einsatz in Afghanistan, war 2008 monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Wohlgethan lebt als Autor und Sicherheitsberater in Wolfsburg. Er arbeitet hauptberuflich für den Deutschen Bundeswehrverband.

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