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Kämpfende Armee im Umbau

Die Ukraine tritt gegen die russischen Invasoren mit Streitkräften an, die sich mitten in einem komplexen Modernisierungsprozess befinden. Für die Rüstung gab es kurz vor Kriegsbeginn wichtige Reformschritte.

Ukrainische Soldaten, aufgenommen in der Region Donetsk am Tag der russischen Invasion.

Foto: picture alliance / Associated Press

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Wie man eine russische Invasion bekämpft, trainierten ukrainische Soldaten auch in Deutschland: auf dem Truppenübungsplatz im bayerischen Hohenfels. Ende vergangenen Jahres lief dort die US-geführte Übung „Combined Resolve 16“. Bei dieser Manöverserie übten diverse NATO-Armeen den gemeinsamen Kampf mit Partnerstreitkräften. Für die beteiligten Spezialkräfte der Ukraine ging es nach Angaben des Kyjiwer Generalstabs unter anderem um den Nachtkampf und die Handhabung der tragbaren Panzerabwehrrakete Javelin. Auch wurde trainiert, wie abgestürzte Piloten in besetzten Gebieten gerettet werden und wie Widerstandsgruppen hinter den feindlichen Linien organisiert werden.

Das Verteidigungskonzept der Ukraine baut auf einen zermürbenden Kleinkrieg gegen ein überlegenes russisches Feldheer. Dazu stellen die Ukrainer seit Anfang des Jahres forciert ein eigenes Territorialheer aus regional rekrutieren Verbänden leichter Infanterie auf: die Territorial Defence Force (TDF). Angeleitet von Spezialkräftetrupps sollen deren Einheiten auch den Kampf im Rücken des Gegners führen können. Hier spielen die von den USA und Großbritannien gelieferten tragbaren Panzerabwehrraketen der Typen Javelin und NLAW eine wichtige Rolle, um aus Wäldern heraus und in urbanen Räumen gepanzerte Feindeinheiten niederzukämpfen. Die Ukrainer orientieren sich an Konzepten von NATO-Ostflanken-Staaten wie Litauen und auch Polen, das gerade eine Nationalgarde aufbaut, die ebenfalls als Territorial Defence Force firmiert. Allerdings ist der Aufbau von Streitkräftestrukturen ein zähes Unterfangen, vor allem unter Feinddruck.

Keine belastbaren Angaben zu realen Mannstärken

Erstmals zu Beginn des verdeckten russischen Angriffskriegs 2014 aufgestellte Heimatschutzverbände mussten rasch in die reguläre Armee überführt werden, um deren Kollaps zu verhindern. Sie waren der Grundstock, um das Feldheer wiederaufzubauen. Für ein Territorialheer blieb kaum Substanz. Auf dem Papier besteht die Territorial Defence Force schon aus üppigen 150 Bataillonen in 25 Brigaden, je eine pro Verwaltungsregion. Zu deren realen Mannstärken gibt es keine belastbaren Angaben. Seit Januar, kurz vor Kriegsbeginn gilt das gesetzlich festgeschriebene Ziel, einen Stamm von 10.000 aktiven Soldaten und 1.000 Spezialkräften zu rekrutieren, um die Heimatschutzverbände auszubilden und anzuleiten. Das soll der Hebel sein, um auf eine 100.000 Mann starke Territorial Defence Force als weitere Teilstreitkraft zu kommen. Ein ambitioniertes Vorhaben, betrug doch die Gesamtstärke der Landstreitkräfte zum Kriegsauftakt 145.000 Soldaten. Dabei sollen die TDF-Einheiten das ukrainische Feldheer entlasten, damit es sich auf den Manöverkrieg gegen die mechanisierten Hauptkampfverbände des Feindes konzentrieren kann.

Zur Ertüchtigung der regulären Armee gibt es seit 2015 die Joint-Multinational-Training Group Ukraine. Diese wird getragen von den USA, Großbritannien, Polen, Litauen, Kanada, Dänemark und Schweden. Unter anderem helfen die Trainer und Berater beim Aufbau eines ukrainischen Unteroffizierskorps. Für die Truppenführung westlicher Armeen sind Unteroffiziere zentral. In der Roten Armee, aus der die Streitkräfte der Ukraine hervorgingen, spielten sie dagegen kaum eine Rolle. Desweitern sollen die Ukrainer bis hin zum Kampf der verbundenen Waffen geschult werden, also im optimierten Zusammenwirken von Truppengattungen wie Infanterie und Artillerie. Geleitet wird das Vorhaben vom 7. Training Command des US-Heers in Grafenwöhr. Bis Kriegsbeginn durchliefen 25 Bataillone, acht Brigaden und rund 27.000 ukrainische Soldaten das Training, so eine Sprecherin des Kommandos auf Anfrage von loyal. Das wäre circa ein Fünftel der ukrainischen Landstreitkräfte.

Ausrüstung ein zentrales Problem

Neben der Aufstellung kampfstarker Verbände ist deren Ausrüstung ein weiteres zentrales Problem der Ukraine. Die ersten ab 2014 gebildeten Heimatschutzeinheiten wurden als motorisierte Infanterie-Bataillone in die Brigaden des Feldheeres eingegliedert. Wichtig dafür war der Zulauf des neuen gepanzerten Truppentransporters BTR-4. Doch die nötigen Stückzahlen wurden drei Jahre in Folge nicht erreicht, so Verteidigungsminister Oleksij Resnikow in der armeeeigenen Onlinezeitung ArmyInform im Dezember vergangenen Jahres. Seine damalige Bestandsaufnahme des ukrainischen Rüstungswesens kommt zu einem ernüchternden Fazit: Bis dato sei dieses dysfunktional. So erhielt die Armee nur kümmerliche 6,3 Prozent an Waffen und Gerät dessen, was das Rüstungsprogramm von 2014 bis 2019 als Ambition formuliert hatte. Es gibt kein langfristiges Bewaffnungskonzept für die Streitkräfte. Die heute gültigen technischen Anforderungen stammen teils noch aus der Spätphase der UdSSR. Eine ernst zu nehmende Rüstungsplanung mit allen technischen Anforderungen an Fähigkeiten, Infrastruktur, Ausbildung sowie Wartung und Instandsetzung – also ein „Joint Military Capability Plan“ wie bei NATO-Streitkräften – existiert lediglich in Ansätzen.

Die ukrainische Rüstung ähnelt immer noch dem militärisch-industriellen Komplex der Sowjetzeit. Die Masse der Wehrfirmen ist im Staatskonzern Ukroboronprom gebündelt – mehr als 100 Unternehmen mit 67.000 Mitarbeitern. Gleichzeitig unterliegt das Beschaffungswesen einer totalen Geheimhaltung – ein perfekter Nährboden für Ressourcenvergeudung und Korruption. Der Ukroboronprom-Moloch erhielt erst im Juni 2020 eine Compliance-Abteilung und befindet sich am Beginn eines Reformprozesses. In diesem Jahr sollen aus dem Konzern zwei Holdings in Staatsbesitz werden – eine für die Rüstungssparte, eine zweite für Luft- und Raumfahrt. Beide mit transparenten Leitungs- und Kontrollstrukturen und der Möglichkeit externer Beteiligungen. Seit Anfang vergangenen Jahres ist ein Gesetz in Kraft, dass die Rüstungsbeschaffung besser aufstellen soll. Unter anderem wird ein Unternehmensregister aufgebaut, Ausschreibungen sollen zunehmend öffentlich erfolgen und ein Beschaffungsplan vorgelegt werden, damit die Wirtschaft Orientierungsmarken bekommt. Die Beschaffung läuft künftig über eine dreijährige Eckwerteplanung des Verteidigungshaushalts, was eine realistische Projektierung von Waffen und Gerät bringen soll.

Ein Gesetz allein reicht nicht

Allerdings macht ein Gesetz allein noch keine bessere Rüstung. Dessen Maßnahmen umzusetzen ist entscheidend, und hier hapert es. So ist der laufende Beschaffungsplan bis 2024 erneut fast völliger Geheimhaltung unterworfen. Arthur Pereverziew, Rüstungsfachmann am Kyjiwer Thinktank Centre for Defence Strategies gegenüber loyal: „Leider besteht immer noch das Staatssicherheitsgesetz sowjetischer Prägung. Eine Anpassung wurde verpasst, und ein neues Gesetzesvorhaben kam bis Kriegsbeginn nicht voran.“  Was Pereverziew ebenfalls kritisch sieht, ist das neu geschaffene Ministerium für strategische Industrien. Das soll die Wirtschaft technologisch entwickeln und auch die Rüstung steuern. „Der Hauptzweck dieses Ansatzes ist der Schutz der heimischen Industrie über Regulierungen und Restriktionen und einer zentralen Beschaffungsplanung. Ich bin nicht sicher, ob man so Partner gewinnt“, meint der Rüstungsexperte. Dabei sind die Ukrainer darauf angewiesen, externes Kapital einzubinden. Der gesamte Staatshaushalt hat das bescheidene Volumen von um die 40 Milliarden Euro. In Deutschland ist allein schon der Wehretat größer.

Mit diesen wenigen Mitteln dem gewaltigen Modernisierungsbedarf der Streitkräfte zu entsprechen, scheint unmöglich. Das Beispiel Luftwaffe: Laut deren angestrebtem Fähigkeitsprofil „Vision 2035“ müssen alle Flugzeugmuster wegen Überalterung bis 2030 ersetzt werden. Nur das Transportflugzeug Iljuschin Il-76 hält noch fünf Jahre länger durch. Die eigene Luftfahrtindustrie habe nur noch „sehr limitierte Möglichkeiten“, moderne Luftkampfmittel zu produzieren. Die Grundlage, ein moderner Kampfjet, könne nur über einen kostspieligen Import geschaffen werden, heißt es im Planungsdokument. Ein Mehrzweck-Jet der Generation 4 plus, wie die schwedische Gripen soll langfristig Kosten sparen, da er gleich diverse Jets der Ukrainer wie die MiG-29 und Su-25 ersetzen würde. Doch entsprechende Investitionen beziffern die Luftwaffenplaner auf sechs Milliarden Euro, mehr als der gesamte Wehretat 2022 mit vier Milliarden Euro. Hinzu kommt: Je älter das Material, desto kostenintensiver sein Erhalt. Bei den Ukrainern frisst der Unterhalt des Uralt-Geräts aus Sowjetzeiten kostbare Etatmittel, die in die Modernisierung fließen müssten. Die angelaufenen Reformen hat nun der Krieg gestoppt. Die Ukraine steht im Überlebenskampf mit einer Armee, deren solider Aufbau mindestens noch eine weitere Dekade in Anspruch nehmen würde.

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