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Kein Rückgrat

Russlands Armee führt einen Vernichtungsfeldzug in der Ukraine. Auch Wohnhäuser, Krankenhäuser und Schulen fallen dem russischen Furor zum Opfer. Kriegsverbrechen sind an der Tagesordnung. Das Bild, das Russland der Welt von sich mit dieser Soldateska präsentiert, zeigt Menschenverachtung und ein dysfunktionales Führungsprinzip.

Mit der Nationalgarde schuf sich Putin 2016 eine Sonder-Streitkraft, die ihm als Präsident direkt untersteht. SIe ist auch Werkzeug der hybriden Kriegsführung Russlands. In der Ukraine soll sie vorrangig besetzte Räume sichern, so Militärexperten.

Foto: imago/ITAR-TASS

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Am Morgengrauen des 24. Februar näherten sich Hubschrauber der russischen Armee vom Typ Mi-8 MTV-5M mit Elite-Fallschirmjägern des Kommandos VDV (Vozdushno-Desantniye Voyska) dem Flughafen Hostomel im Nordwesten von Kiew. Eskortiert wurden sie von einer Gruppe KA-52 „Hokum“-Kampfhubschrauber. Diese sollten eine mögliche Gegenwehr der ukrainischen Streitkräfte bei der Landung unterbinden. Was wie eine Bilderbuch-Luftlandeaktion während einer Übung begann, wurde in nur wenigen Stunden die größte Niederlage der Elitetruppe der russischen Streitkräfte. Gleich zu Beginn schossen die Ukrainer mit leichten schultergestützten Boden-Luft-Raketen eine größere Zahl der russischen Transporthubschrauber sowie einen der modernen Kampfhubschrauber ab. Erst durch die aus Norden nachgeführten mechanisierten Kräfte des 331. Luftlandegarderegiments konnte nach zwei Tagen andauernder Kämpfe der Flughafen gesichert werden.

Der Angriff auf Hostomel gilt als Beispiel für eine der missglückten russischen Operationen in diesem Krieg. Er zeigt sinnbildlich, wie es tatsächlich um die russische Armee steht. Der Westen hatte diese Truppe professioneller eingeschätzt. Tatsächlich aber wird sie vor allem vom fanatischen Willen zur Vernichtung getrieben. Militärische Erfolge, die diesen Namen verdienen, blieben vielfach aus. Der Krieg, der nur einige Tage dauern sollte, zieht sich in die Länge. Und immer stärker offenbaren sich die eklatanten Schwächen der russischen Armee. Weniger gefährlich wird sie mit zunehmender Dauer allerdings nicht, nur grausamer.

Die Militäraktion in Hostomel jedenfalls legte die Probleme der russischen Streitkräfte auf allen Ebenen offen: Es hapert bei den Hauptwaffensystemen, bei der Logistik, vor allem aber bei der Menschenführung. Die verkorkste Luftlandung ist zum Sinnbild des Vorgehens russischer Streitkräfte in der ersten Kriegsphase in der Ukraine geworden: schlecht ausgebildet, schlecht koordiniert mit anderen Kräften, das Fehlen einer zentral steuernden, operativen Führung.

Das Konzept der Battalion Tactical Groups

Grundlage des taktischen Vorgehens der Russen sind die sogenannten Battalion Tactical Groups (BTGs), denen eine Idee aus den 1990er-Jahren zugrunde liegt. Sie wurden 2012 eingeführt, um Kampfkraft aus Brigaden zu generieren, indem „Soldaten auf Zeit“ in einer Gruppierung von Bataillonsgröße konzentriert wurden. Eine BTG ist zumeist ein Panzer- oder Infanteriebataillon, das mit zusätzlichen Panzern oder Infanterie sowie mit Artillerie, Luftverteidigung, Möglichkeiten elektronischer Kriegsführung und anderen Kampfunterstützungsmitteln verstärkt ist. Jedoch dient das Konzept der Battalion Tactical Groups hauptsächlich als Verwaltungsstruktur. Als neue Kampfformation ist es nur begrenzt geeignet, wie das Beispiel aus Hostomel zeigt. Vor allem das Gefecht der verbundenen Waffen stellt für die russischen Truppen ein erhebliches Problem dar. So konnte eine Koordination der Luftnahunterstützung sowie die Vernetzung mit anderen Truppenteilen nicht beobachtet werden. Dies führte unter anderem zum Verlust zahlreicher Truppenteile in den ersten Tagen des Krieges – eine nachhaltige Schwächung der russischen Streitkräfte war die Folge. Somit musste rascher als erwartet auf operative personelle Reserven in Form von Reservisten und Wehrpflichtigen zurückgegriffen werden.

Eigenen Angaben zufolge umfasst die russische Armee rund eine Million aktive Soldaten in allen Teilstreitkräften. Beim Heer dienen etwa 250.000 Mann. Zu ihnen zählen auch Logistik- und Unterstützungstruppen. Die Landstreitkräfte stellen ohne Reservisten nur einen kleineren Anteil der gesamten Armee. Die Luft- und Weltraumkräfte sind seit 2015 mit der Luftwaffe und den Luftverteidigungskräften in einer Teilstreitkraft zusammengelegt worden. Dieser Teil von Putins Truppe umfasst etwa 430.000 Soldaten – der mit Abstand größte Teil der gesamten Streitkräfte. Die russische Marine, die zu einem Symbol globaler russischer Machtprojektion geworden war, zählt etwa 160.000 Soldaten. Trotz neuer Fähigkeiten bei der Landzielbekämpfung hat die Marine bislang allerdings nur sehr begrenzt in den Krieg in der Ukraine eingegriffen. Ihr Schwarzmeer-Flaggschiff „Moskwa“ wurde von der Ukraine versenkt.

Eine weitere Teilstreitkraft sind die strategischen Raketenkräfte mit rund 50.000 Soldaten. Diese sind mit der strategischen nuklearen Abschreckung betraut und spielen im Ukrainekrieg aktuell keine Rolle. Die fünfte Teilstreitkräfte bilden die bereits erwähnten Verbände der VDV. Sie gelten als die Elitetruppe der russischen Armee. Die VDV zählte vor dem Krieg gegen die Ukraine etwa 45.000 Angehörige. Im Vergleich zu den anderen Teilstreitkräften dienen hier nur sogenannte „professionelle“ Soldaten. 2016 wurde noch die Nationalgarde geschaffen, die mit 340.000 Soldaten eine respektable Größe darstellt, zumal sie bei Fähigkeiten und Ausrüstung den regulären Kräften in nichts nachsteht. Die Nationalgarde ist Präsident Wladimir Putin direkt unterstellt. Offiziell dient sie der Terrorbekämpfung im Innern, wird aber auch für die hybride Kriegsführung Russlands eingesetzt, und nimmt am Ukraine-Feldzug teil.

Ein zerstörter russischer Panzer in Butscha, Ukraine. Nach dem Rückzug der russischen Truppen offenbarten sich dort deren bestialische Kriegsverbrechen, wie in Massengräbern verscharrte Zivilisten. (Foto: imago/xcitepress)

Der internationale Fokus war viele Jahre auf die Modernisierungsbemühungen bei Ausrüstung und Material der russischen Streitkräfte gerichtet. Bilder des neuen Panzers T-14 „Armata“ machten die Runde. Es sollte ein Panzer sein, für den es angeblich kein westliches Gegenstück gibt. 2020 war jedoch bekannt geworden, dass Russland lediglich 20 Panzer dieses Typs würde beschaffen können. Grund dafür sind die exorbitanten Kosten pro Exemplar. Daher setzt Russlands Armee für seine Panzerverbände weiterhin hauptsächlich auf modernisierte Varianten der bewährten Reihen T-72/80/90. Viele dieser Panzer wurden mit Nachtsichtgeräten und Wärmebildkameras kampfwertgesteigert, jedoch ohne diese mit aktiven Selbstschutzsystemen gegen anfliegende Raketen auszustatten, wie dies für den „Armata“ vorgesehen war. Der Passivschutz konnte mit seitlicher Reaktivpanzerung verbessert werden, der Schwachpunkt am Turm wurde dabei allerdings nicht ausgemerzt. Der modernste Kampfpanzer, der in der Ukraine gesichtet wurde, war ein T-80 UM2; er offenbarte eben jene schwache Panzerung gegen Raketen des amerikanischen Typs „Javelin“. Metallische Käfige, die auf den Panzern vor Angriffsbeginn von Soldaten angebracht wurden, lösten dieses Problem jedenfalls nicht.

In den anderen Teilstreitkräften setzt sich der Trend fort, das bereits in der Sowjetunion der 1980er-Jahre entwickelte Gerät zu modernisieren. So nutzt die Luftwaffe die neueste Version der SU-27 „Flanker“-Familie sowie die SU-30 beziehungsweise die SU-35 „Flanker-E“. Letztere wurde erst nach einigen Wochen des Konflikts zur Unterdrückung der gegnerischen Flugabwehr eingesetzt, was jedoch nur mit geringem Erfolg gelang. Die veralteten Raketen des Typs Kh-31P, die für diese Aufgabe vorgesehen waren, dürften für den Misserfolg verantwortlich sein. Neue Flugzeuge des Typs SU-57, die Stealth-Eigenschaften haben und damit für das gegnerische Radar unsichtbar sein soll, konnten auch nur in kleiner Stückzahl beschafft werden und spielten in der Ukraine kaum eine Rolle.

Rüstungsproblem: Von STate-of-the-Art-Kriegsgerät wie dem Tarnkappen-Kampfjet SU-57 gelingt es Russland nur wenige zu beschaffen. (Foto: Suchoi/PR)

Die strategischen Nuklearstreitkräfte der russischen Föderation haben im Vergleich zu den anderen Teilstreitkräften eine effizientere Modernisierung durchlaufen. Hier ist vor allem die Rakete vom Typ RS-28 „Sarmat“ zu nennen, die mit bis zu 15 Mehrfachsprengköpfen bestückt werden kann. Sie hat allerdings lediglich symbolischen Charakter und dient den Russen als Warnung gegenüber dem Westen, dass Moskau in der Lage ist, jede Form der gegnerischen Raketenabwehr umgehen zu können.

Es fehlt ein leistungsfähiges Unteroffizierskorps

Der größte Umbruch ist beim Personal zu beobachten. 2008 wurde ein neuer Status in der Truppe eingeführt, die sogenannten Vertragssoldaten, „Kontrakniki“ genannt. Diese Soldaten verpflichten sich für mindestens zwei Jahre und erhalten dafür einen höheren Sold. Dieses Experiment stieß zunächst auf gesellschaftlichen und institutionellen Widerstand, wurde aber durchgezogen. Höhere russische Offiziere wollten kein „Söldnertum“ innerhalb ihrer Streitkräfte – ein Vorwurf, der bisweilen auch im Hinblick auf westliche Armeen geäußert wird. Gesellschaftlich ist zwar der Dienst an der Waffe im Rahmen der Wehrpflicht beziehungsweise als Offizier angesehen. Soldaten, die sich als „Kontrakniki“ verpflichten wollen, wird jedoch mit Misstrauen begegnet.

Seit 2015 ist die Anzahl der „Kontrakniki“ höher als die Anzahl der Wehrpflichtigen. Der Dienst wurde insbesondere durch den höheren Sold attraktiver, der es ermöglicht, besser durch die diversen Krisen der russischen Wirtschaft zu kommen. Der Wehrdienst wurde bereits 2008 auf zwölf Monate reduziert. Dies führte bei vielen potenziellen Wehrpflichtigen zur Überlegung, sich lieber gleich als „Kontrakniki“ für zwei Jahre zu verpflichten und dafür deutlich mehr zu verdienen. Zum Vergleich: Ein Wehrpflichtiger erhält einen monatlichen Sold von 2.000 Rubel (umgerechnet etwa 22 Euro), während ein „Kontraknik“ bei gleicher Verwendung 10.000 Rubel (110 Euro) verdient. Eine Verbesserung des Ausbildungsstands ging mit den „Kontrakniki“ jedoch nicht einher, auch wenn das erwähnte 331. Luftlandegarderegiment als Eliteeinheit galt, weil es ausschließlich aus Vertragssoldaten besteht.

Die Reform von 2008 sah auch die Einführung von Feldwebeldienstgraden vor, weil das Unteroffizierskorps der russischen Armee extrem schwach ausgeprägt ist. Die Dienstgradgruppen der Feldwebel sollen länger dienenden Soldaten eine planbare und sichere berufliche Zukunft bieten. Jedoch blieb die Zahl potenzieller Bewerber, die für diese Verwendung in Frage kommen, gering. Denn Personal, das für diese Laufbahn geeignet ist, kann auch eine Verwendung in der deutlich attraktiveren Dienstgradgruppe der Offiziere anstreben. Die Aufgabe der russischen Feldwebeldienstgrade ist, anders als im Westen, nicht die Ausbildung von Mannschaftssoldaten, sondern die Kontrolle der Umsetzung der Befehle der Offiziere. Offiziere und untere Mannschaftsdienstgrade haben in jeder Armee ein Distanzproblem. Russische Offiziere sollen Ausbilder und Erzieher sein, vor allem jedoch die Disziplin in der Truppe aufrechterhalten. Feldwebel in westlichen Armeen sind hingegen Spezialisten, die das Fachwissen über die eingesetzten Waffensysteme besitzen. Eine solche Aufgabe ist in der russischen Armee für sie nicht vorgesehen. Der russischen Armee fehlt damit nach wie vor ein leistungsfähiges Unteroffizierskorps als Träger der Ausbildung und als Rückgrat der Truppenführung im Gefecht.

Unfälle und Selbstmorde

Die Streitkräfte der russischen Föderation weisen im Friedensbetrieb im internationalen Vergleich jedes Jahr eine ungewöhnlich hohe Todeszahl ihrer Soldaten auf. Die Zahl der Unfälle und Selbstmorde liegen deutlich über denen anderer Armeen. Bis 2015 wurden Daten dazu offiziell bekannt gegeben und beliefen sich zuletzt auf 1200 Tote Jahr für Jahr. Seit der zweiten Militärreform 2015 werden die genauen Zahlen nunmehr als Staatsgeheimnis eingestuft und nicht mehr veröffentlicht. Dennoch ist davon auszugehen, dass die Todesrate auch heute noch in der genannten Höhe liegen dürfte.

Mehrere Faktoren spielen hierbei eine Rolle. Zum einen herrscht aufgrund fehlender Innerer Führung und Aufsicht dass Prinzip der „Dedovschina“: Ältere Mannschaftssoldaten herrschen brutal über die frisch eingezogenen Wehrpflichtigen und die neuen „Kontrakniki“, demütigen und misshandeln sie physisch und psychisch. Die Reduzierung der Wehrpflicht hat dieses Problem auf die Vertragssoldaten verschoben, beziehungsweise es wird von Vertragssoldaten gegenüber Wehrpflichtigen praktiziert. Es gibt weder Moral noch Werte noch moderne Menschenführung. Offiziere schreiten nicht ein und machen keinen Gebrauch von erzieherischen Maßnahmen, weil sie die Distanz zu ihren Untergegebenen aufrechterhalten wollen. Die Neue Zürcher Zeitung hat nicht zuletzt aufgrund dieser menschenverachtenden Praktiken die russischen Streitkräfte als „Armee der Sklaven“ bezeichnet.

Ein ukrainischer Soldat vor einem zerstörten Wohnhaus in Borodyanka, nordwestlich von Kiew. (Foto: imago/ZUMA Wire)

Alle Einheiten trainieren ihre Soldaten selbst. Im Gegensatz zu westlichen Armeen, in denen zentrale Schulen für bestimmte Aspekte der militärischen Ausbildung zuständig sind und ein einheitliches und hohes Ausbildungsniveau garantieren, ist die Ausbildung in Russland von Einheit zu Einheit unterschiedlich. Eine Ausnahme stellen hierbei die VDV dar, die als einzige Teilstreitkraft eine zentrale Ausbildungsstätte betreiben. Somit liegt die Ausbildung im Ermessen der jeweiligen Teileinheitsführer, die sich an Ausbildungsunterlagen orientieren, jedoch eigene individuelle Schwerpunkte setzen.

Russlands Armee ist eine Armee im Umbruch, gefangen im Widerspruch zwischen modernen und alten Waffensystemen sowie starren Befehlsstrukturen. Die größte Herausforderung für die politische und militärische Führung ist das geringe Vertrauen in die Loyalität und Fähigkeiten der Soldaten. Eigeninitiative und freies Problemlösen vor Ort können nicht gelebt werden, die alles beherrschende Befehlstaktik lähmt Entscheidungsfreude und die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme. Die Probleme der russischen Streitkräfte sind systemimmanent und dürften auch mit der Nachführung von immer mehr Reserven für den Krieg in der Ukraine kurz- und mittelfristig nicht gelöst werden.

Der Autor

Severin Pleyer ist Research Fellow am German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS) in Hamburg. Er forscht unter anderem zur Armee der Russischen Föderation und zur Theorie der nuklearen Abschreckung.


In diesem Zusammenhang auch lesenswert ist ein Beitrag auf faz.net: Woher die Brutalität der russischen Soldaten kommt

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