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Nachhut an der Klimafront

Die NATO-Streitkräfte, auch die Bundeswehr, sind gefordert, zum Kampf gegen den Klimawandel beizutragen. Doch gerade in ihrem Kerngeschäft, den mobilen Operationen, haben es umwelt-schonende Energieträger und Antriebe schwer. Zudem wächst der Energiebedarf in der künftigen Kriegsführung.

Im Camp der EU-Ertüchtigungsmission für Malis Armee in Koulikoro testet die Europäische Verteidigungsagentur EDA zurzeit Solarzellenanlagen zur militärischen Ernergieversorgung.

Foto: Sharon McManus / European Defence Agency

Im Camp der EU-Ertüchtigungsmission für Malis Armee in Koulikoro testet die Europäische Verteidigungsagentur EDA zurzeit Solarzellenanlagen zur militärischen Ernergieversorgung.

Foto: Sharon McManus / European Defence Agency

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Als entscheidende Staatsaufgabe unserer Zeit gilt der Kampf gegen den Klimawandel. In ihm sehen die Deutschen eine Hauptgefahr, nicht in militärischen Bedrohungen. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Bevölkerungsbefragung der Bundeswehr zum Sicherheitsempfinden hierzulande. Um die Erderwärmung durch CO2-Reduzierung einzudämmen, sind neue Energieträger und Antriebssysteme jenseits fossiler Brennstoffe Kernmaßnahmen, denen sich auch das Militär stellen muss.

Dass die NATO-Armeen das Thema entschlossen angehen werden, postuliert seit Monaten rührig der Generalsekretär der Militärallianz, Jens Stoltenberg. Mit dem emotionalen Aufhänger des Eisbären, dem es in der Arktis zu warm wird, hat Stoltenberg ein Essay auf die NATO-Webseite gestellt, in dem von Solarzellen für Feldlager, weniger Emissionen und mehr Energieeffizienz die Rede ist. In dem schmissigen Text gehen jedoch Nebensätze wie „ohne unsere Kernaufgaben zu kompromittieren“ unter. Sie verweisen auf einen ernüchternden Ausblick zu Klimawandel und Streitkräften. Bei deren Kernaufgabe, Kriegsgerät ins Feld zu führen und gegebenfalls kämpfen zu müssen, werden fossile Brennstoffe noch jahrzehntelang unverzichtbar bleiben. Der Energiebedarf zur Operationsführung wird sogar noch massiv zunehmen.

Emissionsfreie Systeme nur in zivilem Umfeld

Laut dem Bericht der NATO-Task-Group 225 zur Entwicklung neuer Jet-Treibstoffe von 2018 gilt für die mobile Energienutzung der NATO als bestmögliches Szenario ein zunehmender Ersatz fossiler Treibstoffe durch synthetische Varianten bis 2050. Das ist das Jahr, in dem Deutschland laut offizieller Regierungsplanung Treibhausgas-Neutralität erreichen will. Auch die Bundeswehr kam in ihrer Analyse „Entwicklungen im Bereich der Energieträger für mobile Systeme“ 2019 zu einer identischen Bewertung. Für die Bundeswehr-Planer ist aber klar: Selbst nach 2050 muss es Ausnahmen für die Streitkräfte geben. Emissionsfreie Systeme sind nur in einem nicht-militärischen Umfeld möglich.

Es gibt diverse Faktoren, die für den zähen Wechsel verantwortlich sein: Grundsätzlich gilt, dass gerade große Waffensysteme wie Marineschiffe und Kampfjets für bis zu 40 Jahre Nutzungsdauer konzipiert werden und ihren Energieträgerbedarf somit lange festschreiben. Zwar betont die Bundeswehr-Analyse die geopolitische Binsenweisheit, dass fossile Brennstoffe knapper und umkämpfter werden, doch Fracking mindert den Preisdruck und damit den Drang, zügig synthetische Treibstoffe zu entwickeln, die emissionsärmer sind. Da der militärische Bedarf im Gesamtkontext zu gering ist, können die Streitkräfte nicht als Treiber eines schnelleren Wechsels auftreten, auch wenn das ihrem ureigenen Interesse nach einer resilienten Kraftstoffversorgung entsprechen würde.

Betankung auf einem US-Flugzeugträger. (Foto: Timothy Schumaker/U.S. Navy)

Das Kernziel einer einheitlichen Treibstofflogistik bietet ebenfalls kaum Raum für Umweltaspekte. In der NATO gilt das „Single Fuel“-Prinzip. Notfalls soll ein Treibstoff – je nach Bedarf mit Additiven versetzt – von Landstreitkräften, Marine und Co. genutzt werden können. Es liegt in der Logik der Sache, dass hierfür nicht die genügsamste Teilstreitkraft das Maß vorgibt, sondern jene mit dem exzessivsten Energieverbrauch. Das sind die Luftstreitkräfte. Bei der Bundeswehr konsumiert die Luftwaffe 70 Prozent des gesamten Kraftstoffs. Somit ist das NATO-Standardkerosin F-34 der Single Fuel. Beispielsweise mit Additiv S-1750 vermischt, wird er zu F-63 und kann dann auch Panzer bewegen. Hinzu kommt, dass insbesondere Flugzeuge Treibstoffe mit hoher Energiedichte benötigen, was Batterie- und Brennstoffzellen-Technik nicht bietet. Die Luftwaffe zu einem sauberen Energieträger zu entwickeln, ist somit besonders schwierig. Ana Gogoreliani, Expertin für Energie-Konzepte am Energy Security Centre of Excellence der NATO in Vilnius, Litauen, gegenüber loyal: „Elektrisch betriebene kommerzielle Flugzeuge sind unwahrscheinlich vor 2040 und werden dann auf Kurzstreckenflüge limitiert sein.“

Bio-Diesel nur im Grundbetrieb

Auch die angestrebten synthetischen Treibstoffe werden nur schleppend die Emissionsbilanz verbessern: Die zunächst wahrscheinlichste Gewinnung dieses Sprits wird laut NATO Task-Group 225 über die etablierte Fischer-Tropsch-Synthese gehen. Die wurde schon von der Wehrmacht genutzt, um aus leicht zugänglicher Tagebaukohle Treibstoff zu machen. Zwar kann das Verfahren auch auf Biomasse angewandt werden, aber Bio-Diesel lässt sich nicht lange lagern. Die Bundeswehr sieht seinen Einsatz nur im Grundbetrieb und nicht in den Einsätzen.

Der Leopard 2A5 im Gelände. (Foto: Bundeswehr/Maximilian Schulz)

Generell liegen Welten zwischen den zivilen und militärischen Bedürfnissen, was saubere Energie angeht. So erlaubt die DIN für Dieselkraftstoff in Deutschland einen Schwefelgehalt von 10 Promille. Die NATO toleriert hingegen mehr als 3000 Promille, da der Treibstoff teils in Einsatzländern beschafft werden muss, wo sich europäische Treibstoffqualität nicht einhalten lässt. Doch diese hohen Schwefelgehalte verträgt kein Abgasfilter. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums zu loyal: „Um die Mobilität im Einsatz sicherzustellen, werden Abgassysteme und die Motorsteuerung modifiziert und Wartungsintervalle verkürzt.“ Das heißt im Klartext: Ernsthafte Abgasreinigung findet in Operationen nicht statt.

Panzer bleiben Panzer

Die sich im Zivilen ausbreitende emissionsfreie Elektromobilität sehen die Bundeswehr-Planer nur für Fahrzeug-Typen bis maximal 7,5-Tonner als nutzbar für die Streitkräfte – also lediglich für den Alltagsbetrieb in Deutschland. Hier investieren die Streitkräfte rund 21 Millionen Euro, um sich bis 2024 eine eigene Ladeinfrastruktur aufzubauen. Die großen Hauptwaffensysteme wie Panzer lassen sich selbst langfristig nicht über Batterien und Brennstoffzellen betreiben. Deren Platzbedarf wäre zu groß, so die einhellige Einschätzung in der Fachwelt.

Diesel-elektrische Hybridantriebe mit Energiespeichern wie Lithium-Ionen-Batterien gelten als die mittelfristige Antriebstechnologie für große Landsysteme. Allerdings führt auch hier die zivile Entwicklung, die militärische fährt hintenan. So sieht es zumindest der Chief Technology Officer von Rheinmetall, Klaus Kappen, im Gespräch mit loyal: „Bis 2004 gab es große militärische Forschungsprogramme in Deutschland zu Hybridantrieben. Da war die militärische Seite weiter als die zivile. Dann hat die Bundeswehr die Förderung zurückgefahren.“ Seitdem gelte die Devise, dass die Militärs Fortschritte im zivilen Bereich beobachten, so Kappen. Er hofft, dass über den neuen Europäischen Verteidigungsfonds mit sieben Milliarden Euro wieder Forschung im größeren Stil finanziert wird, um hier voranzukommen. Denn Entwicklungen für zivile Hybridantriebe wie für Pkw ließen sich kaum auf den militärischen Bereich übertragen, so der Rheinmetall-Ingenieur.

Demonstrator für einen Radpanzer mit Hybridantrieb: der „Genesis“ des Unternehmens Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft (FFG).

Dabei bieten Hybridantriebe, die verstärkt elektrische Energie nutzen, klaren taktischen Mehrwert. Sie strahlen weniger Wärme ab und sind leiser. Diese geringe Signatur macht es schwerer, Fahrzeuge mit Hybridantrieb aufzuklären. Dennis Bürjes, aus der Geschäftsführung der Flensburg Fahrzeugbau Gesellschaft (FFG) zu loyal: „Mit einem Hybrid können sie zudem auch aus dem Stand beschleunigen und rasch die Stellung wechseln.“ All diese Vorteile würden vor allem einen Spähpanzer aufwerten. In der deutschen Wehrindustrie sieht man deshalb den Fenek-Nachfolger als das große Einstiegsprojekt für ein Waffensystem mit Hybridantrieb in der Bundeswehr. Die FFG präsentierte dazu vor Kurzem den „Genesis“, den Demonstrator eines Hybrid-Radpanzers.

Kriege der Zukunft verlangen viel elektrische Energie

Während die Hybridtechnologie lediglich reifen muss, ist das Hauptproblem der Militärs: Die künftige Art der Kriegsführung verlangt nach immens viel zusätzlicher elektrischer Energie. Ob digitale Vernetzung der Kampfeinheiten, Hochenergielaser, die geladen werden müssen, Hilfsroboter, die Soldaten begleiten, oder deren eigene Ausrüstung. Bis jetzt braucht ein Bundeswehr-Soldat mit seiner Ausrüstung schmale 25 Watt. Doch über neue Rüstsätze wie beim „Infanterist der Zukunft“ nimmt der Bedarf zu. Für kommende Technologien wie aktive Tarnung und Exoskelette gehen Forscher des Fraunhofer-Instituts von 500 bis 2.000 Watt aus.

Das Robotikfahrzeug „Mission Master“ soll Soldaten unterstützen. Es verbraucht zusätzliche Energie. (Foto: Rheinmetall AG)

Ein Hauptproblem künftiger militärischer Energieversorgung wird sein, dass die Energieträger-Logistik immer aufwändiger und damit kostenintensiver wird, so die Einschätzung von Professor Karsten Pinkwart. Er ist stellvertretender Leiter des Bereichs Angewandte Elektrochemie am Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie in Pfinztal, wo er auch Wehrforschung betreibt. „Neue Technologien wie Lithium-Ionen-Batterien bedeuten immer eine Vielzahl neuer ziviler Standards und Batterie-Managementsysteme aufgrund der vielfältigen chemischen Zusammensetzung. Militärische Speziallösungen einzufordern, ist unrealistisch; das wäre kaum bezahlbar. Es muss versucht werden, über Vereinheitlichungen die Vielfalt einzugrenzen“, meint Pinkwart im Gespräch mit loyal. Das gilt umso mehr, da sich der Westen in der künftigen Batterie-Technologie von Asien hat abhängen lassen. Dort findet laut Bundeswehr 90 Prozent der Lithium-Ionen-Batterieproduktion statt. Erst seit 2017 versuchen die Europäer über eine „Batterieallianz“ die Produktion anzukurbeln und Boden gut zu machen. Bei der Entwicklung von Verfahren zu Synthesekraftstoffen finden sich die meisten Anlagen wiederum bei der NATO-Führungsmacht USA. Für europäische Streitkräfte wie die Bundeswehr ist es somit kaum möglich, den Aufbau der künftigen militärischen Energieversorgung entscheidend mitzugestalten, das geht höchstens im Fahrwasser der USA über den NATO-Verbund.

Keine Strategie bei neuen Energieträgern

Deswegen haben Deutschlands Streitkräfte auch keine Strategie bei neuen Energieträgern und Antrieben sondern lediglich ein Handlungskonzept des schrittweisen Ausbaus eigenen Engagements. Seit fünf Jahren wird das Themenfeld im „Gesprächskreis 5 für nachhaltige Innovative Energiesysteme“ mit der Industrie sondiert. Fortschritt soll künftig ein Koordinierungskreis „Betriebsstoffe und Energieversorgung“ der Bundeswehr-Dienststellen bringen, geführt vom Wehrwissenschaftlichen Institut für Werk- und Betriebsstoffe. Doch hier laufen erst die „Abstimmungen zur Umsetzung der Maßnahme“, so das Wehrressort auf Anfrage.

Betankung der USS New Orleans auf hoher See. (Foto: Dominique Pineiro/U.S. Navy)

Auch in der Politik läuft das Thema „Neue Energieträger und Systeme für das Militär“ noch unter dem Radar. In der laufenden Legislatur gab es keine einzige Beratung dazu im Verteidigungsausschuss. Die Pressestelle des Bundestages teilte loyal mit, der Themenkomplex wurde im Ausschuss lediglich „gestreift“. Die nächsten Schritte für die NATO-Armeen in Richtung Energiewende ist die Definition von Standards für Synthese-Treibstoffe und deren Zertifizierung. Hierzu arbeitet eine Arbeitsgruppe der Militärallianz Empfehlungen aus, die in diesem Jahr vorliegen sollen.

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