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Zeitenwende im Sanitätsdienst

Während sich im Bayerischen Wald sieben Soldaten durch den härtesten Lehrgang des Sanitätsdienstes quälen, spricht ein Generalarzt in Berlin-Gatow Klartext: Sollte die Bundeswehr in einem großen Krieg in Osteuropa eingesetzt werden, könnte sie ihre Verwundeten nicht mehr auf dem bisherigen Niveau versorgen.

Der härteste Lehrgang des Sanitätsdienstes: Hauptfeldwebel Sascha K. aus München untersucht im Bayerischen Wald einen Verwundeten, dargestellt von einer zehntausende Euro teuren Puppe.

Foto: Jonas Ratermann

  • Von Julia Egleder (Text) und Jonas Ratermann (Fotos)
  • 16.12.2019
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loyalSanitätsdienst

Sascha Kaiser* atmet schwer. Zwanzig Kilogramm wiegt sein Rucksack mit dem Sanitätsmaterial. „Flapp, flapp, flapp“, bei jedem Schritt schlägt die Last an seinen Rücken. Vier Kilometer hat der Hauptfeldwebel an diesem kalten Septembermorgen bereits im Laufschritt zurückgelegt. Nebel wabert zwischen den Bäumen des Bayerischen Waldes. Jetzt wartet die nächste Aufgabe auf Sascha Kaiser. Eine Aufgabe, die ihn seinem Ziel wieder ein Stück näher bringen soll. Der Hauptfeldwebel will zu den besten Sanitätern der Bundeswehr gehören. Deshalb hat er sich für das Sondertraining „Taktische Verwundetenversorgung“ gemeldet. Es ist ein Lehrgang, der ihn an seine Grenzen bringt.

Zwei Wochen ist es her, dass Sascha Kaiser nach Feldkirchen, den Standort des Sanitätslehrregiments „Niederbayern“, gekommen ist. Dieses Regiment ist für den Sanitätsdienst das, was die Infanterieschule in Hammelburg für das Heer ist. Hier werden die Sanitäter der Bundeswehr für den Einsatz ausgebildet. Sascha Kaiser und seine Kameraden haben bereits gelernt, wie sie auch unter Feuer ihre Kameraden retten und dabei selbst überleben können. Denn längst sind Sanitäter in den Kriegen unserer Zeit zum Ziel geworden. Das zeigt etwa der Tod von Thomas Broer in Afghanistan. Der Oberstabsarzt war im April 2010 von einer Panzerfaust der Taliban getroffen worden. Die Aufständischen hatten das mit einem großen roten Kreuz gekennzeichnete Fahrzeug Broers angegriffen, obwohl Angriffe wie dieser nach dem humanitären Völkerrecht verboten sind.

Bei der Abschlussprüfung des Lehrgangs müssen Sascha Kaiser und seine Kameraden jetzt beweisen, dass sie das in den zurückliegenden zwei Wochen Trainierte auch anwenden können. Nur wer in den nächsten 72 Stunden alle Aufgaben besteht, bekommt das Abzeichen „Taktische Verwundetenversorgung“. Mit diesem Abzeichen will der Sanitätsdienst „die Wertschätzung und Anerkennung für besonders leistungsfähige Soldaten und Soldatinnen“ zum Ausdruck bringen, erklärt Hauptmann Matthias Querbach vom Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr. Wer den Lehrgang besteht, solle stolz auf sich und seine Leistung sein können, sagt er.

Nur wenig Interesse am Lehrgang

Der Lehrgang ist eine Premiere. Sascha Kaiser und sechs andere Soldaten sind die ersten, die ihn absolvieren. Die sieben gehören zu den Wenigen, die die strengen Zugangsvoraussetzungen erfüllen konnten. Mindestens 150 Einsatztage müssen die Sanitäter bereits absolviert haben und dabei mit Kampftruppen außerhalb des Lagers unterwegs gewesen sein. Sie brauchen lange Erfahrung im Rettungsdienst. Zudem müssen sie körperlich fit sein und das infanteristische Handwerk verstehen. Das trifft offenbar nur auf wenige der 20.000 Mitglieder des Sanitätsdiensts zu: Nur zwölf Interessierte haben sich für den Lehrgang gemeldet. Geblieben sind noch sieben. Sascha Kaiser ist einer von ihnen. Der Hauptfeldwebel arbeitet als Ausbilder an der Sanitätsakademie in München. Nun muss er zeigen, dass er sein Können nicht nur im ruhigen Hörsaal versteht, sondern auch im feuchten Wald, erschöpft, müde, mit klammen Fingern.

Die erste Aufgabe lautet, einen schwer verwundeten Soldaten zu stabilisieren, sodass er den Transport in eine Behandlungseinrichtung überleben kann. Die Ausbilder geben Sascha Kaiser dafür zehn Minuten Zeit. Das ist wenig. Nach einem vier Kilometer langen Lauf erreicht der Hauptfeldwebel schwer atmend den Verletzten. Er wird dargestellt von einer Gummipuppe, die auf dem Waldboden liegt. Sie steckt voller Technik, die die Lebensfunktionen eines Menschen nachahmen soll: Atmung, Puls, Blutkreislauf. Jetzt soll die Puppe einen Soldaten simulieren, der durch drei Schüsse schwer verwundet wurde. Rote Farbe verfärbt die Hose der Puppe auf Höhe des rechten Oberschenkels. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich langsam.

Schnelles Handeln gefordert

Sascha Kaiser braucht nur wenige Sekunden, um die Situation zu erfassen. Er kniet sich auf den nassen Waldboden und holt ein Tourniquet aus seinem Sanitätsrucksack. Das ist ein Gurt, mit dem sich Blutungen abbinden lassen. Kaiser befestigt den Tourniquet am Oberschenkel der Puppe. „Blutung gestillt“, sagt er kaum hörbar, noch immer schwer atmend. Dann schneidet er die Feldbluse der Puppe auf und sucht nach weiteren Verwundungen. Er bemerkt ein weiteres blutendes Einschussloch in der Brust, holt ein basketballgroßes Pflaster aus seinem Sanitätsrucksack und klebt es auf die Wunde.

Um ihn herum stehen mehrere Soldaten mit Klemmbrettern in ihren Händen und machen Kreuze auf einer Checkliste. Sie überprüfen, ob die Lehrgangsteilnehmer den Rettungsalgorithmus richtig abarbeiten. Oberstabsarzt Dr. Jennifer Pregler ist eine von ihnen. Die Anästhesistin, die sonst im OP-Saal des Bundeswehrkrankenhauses in Hamburg arbeitet, macht zwei Haken neben dem Punkt „Blutung gestillt“. Sascha Kaiser hat zwei der drei Schusswunden gefunden und versorgt. Eigentlich sollte er jetzt auch noch die dritte Wunde am Arm der Puppe finden.

Doch nun beugt er sich über das Gesicht der Puppe und klappt ihren Unterkiefer nach unten. „Atmung frei“, zischt er durch seine zusammengebissenen Zähne. Jennifer Pregler macht einen Haken auf ihrer Checkliste neben „Sicherstellen, dass Atemwege frei sind“. Sascha Kaiser hält nun sein Ohr ganz nah an den Mund der Puppe. So versucht er, ihre Atemfrequenz zu bestimmen. Doch er hört nur einige Sekunden hin. „Atmung unregelmäßig“, sagt er. Jennifer Pregler zieht die Augenbrauen hoch und zögert, bevor sie einen  dünnen Haken neben den Punkt „Atemfrequenz checken“ macht. Sascha Kaiser wirkt jetzt zunehmend fahrig. Auch bei der Kontrolle des Pulses am Handgelenk fühlt er nur einige Sekunden. „Radialispuls nicht tastbar“, sagt er dann. Weil der Patient viel Blut verloren hat, legt Sascha Kaiser eine Infusion über das Brustbein, um den Kreislauf wieder in Schwung zu bringen. Doch zunächst erwischt er einen falschen Hebel bei der Infusionsvorrichtung und zieht Luft statt Infusionslösung durch die Nadel in den Körper der Puppe. Das könnte schwerwiegende Folgen haben, weil dadurch die Gefäße verstopfen können. Dann sind die zehn Minuten um.

Sascha Kaiser stopft das restliche Verbandsmaterial  wieder in seinen Rucksack und geht über den Waldweg zurück zum Biwaklager, wo die anderen Soldaten warten. Die Prüfer sammeln sich, um seine Leistung zu besprechen. „Er hat versucht, den Rettungsalgorithmus abzuarbeiten“, sagt Jennifer Pregler. „Aber er war nicht sorgfältig genug. Beim Prüfen der Atemfrequenz hat er viel zu kurz hingehört.“ Ihre Kameraden nicken. „Den Einschuss am Arm hat er überhaupt nicht bemerkt“, fügt einer von ihnen hinzu. „Der Patient wäre verblutet.“ Sascha Kaiser, da sind sich die Prüfer einig, hat einige gravierende Fehler gemacht. Fehler, die einen verwundeten Soldaten das Leben gekostet hätten. „Eigentlich ist er damit durchgefallen“, sagt Jennifer Pregler. „Aber geben wir ihm noch eine Chance. Wenn er bei der nächsten Prüfung wieder so nachlässig ist, fliegt er raus“, sagt ihr Kamerad.

Das klingt hart. Doch die Organisatoren wollen, dass nur die Besten das Abzeichen bekommen. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr ist weltweit hoch angesehen. „Bei internationalen Übungen oder in den Auslandseinsätzen staunen die Soldaten anderer Nationen immer, was unsere Leute alles können“, sagt Martin Bartsch vom Sanitätslehrregiment in Feldkirchen. Der Offizier hat den neuen Lehrgang mitentworfen. Das Problem ist nur: Der Sanitätsdienst wurde in den vergangenen Jahrzehnten auf die Auslandseinsätze zugeschnitten. In den Feldlagern stehen Rettungszentren mit OP-Räumen, Laboren und Röntgengeräten, in die Verwundete schnell mit Helikoptern gebracht und professionell versorgt werden können. Doch für die Landes- und Bündnisverteidigung ist mehr als das gefragt.

Seit Russlands Präsident Wladimir Putin im März 2014 die ukrainische Halbinsel Krim annektierte, plant die Nato wieder für den Bündnisfall. Auch Deutschland sieht sich in der Pflicht und will bis 2032 drei voll ausgestattete Heeresdivisionen aufstellen, die den baltischen Bündnispartnern gegen die Russen beistehen könnten. Das wären zehntausende deutsche Soldaten, die einem Gegner gegenüberstünden, der etwa gleich ausgerüstet ist: mit Panzern, Raketen, Artillerie, Minensperren.

Welchen Paradigmenwechsel die neue alte Aufgabe der Bündnisverteidigung auch für den Sanitätsdienst bedeutet, erklärt einer seiner ranghöchsten Vertreter bei einer Präsentation im Kommando Luftwaffe in Berlin-Gatow. Generalarzt Dr. Bruno Most ist Stellvertretender Kommandeur im Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung in Weißenfels. Er ist an diesem Tag in Berlin, um Vertretern von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Rotem Kreuz die neuen Herausforderungen für den Sanitätsdienst zu erläutern. Most wirft eine Powerpoint-Folie an die Wand. Darauf stehen viele Zahlen, doch eine, größer als die anderen und rot eingefärbt, ragt heraus. Es ist die Zahl vier. „Wir rechnen mit vier Prozent Ausfallrate pro Brigade jeden Tag“, sagt Most nüchtern. Und ergänzt: „Mit Ausfällen meine ich Tote und Verletzte“. Im Saal kommt Unruhe auf. Die Zuhörer raunen sich zu. Vier Prozent Ausfallrate, was heißt das?

Im Krieg mit 900 Gefallen und Verwundeten rechnen – pro Tag

Die drei Divisionen des Heeres sollen in zwölf Jahren aus insgesamt acht bis neun Kampfbrigaden bestehen. Einer Brigade wiederum gehören im Schnitt 5.000 Soldaten an. Wenn nur die Hälfte der Brigaden an der Front im Osten eingesetzt würde, wären das 22.500 Soldaten: Panzertruppen, Grenadiere, Fallschirmjäger, Aufklärer, Pioniere, Artilleristen. Vier Prozent von 22.500 Soldaten ergibt 900. Das ist es, was Generalarzt Most ausdrücken will: In einem Krieg wäre mit 900 gefallenen und verwundeten Soldaten zu rechnen. An einem Tag.

Most selbst sagt es so nicht. Aber seine Zuhörer sind auch allein in der Lage, die Rechnung, die der Offizier aufmacht, zu verstehen. Hier hat ihnen gerade jemand erklärt, was sich bisher niemand öffentlich zu sagen traute: Wenn die Nato im Osten angegriffen würde, dann müsste die Bundeswehr mit tausenden Verletzten und Toten rechnen. Doch was folgt jetzt daraus?

Der bisher verlustreichste Tag für die Bundeswehr war der 15. April 2010. Damals gab es in Afghanistan vier Gefallene und fünf Schwerverwundete. Die Rettungskette funktionierte damals einwandfrei. Zunächst wurden die Verwundeten vor Ort von Sanitätern versorgt, dann mit Hubschraubern ins Lazarett nach Kunduz geflogen, stabilisiert, operiert und nach Deutschland gebracht. Im Falle eines Kriegs gegen einen gleichwertigen Gegner im Osten Europas würde das so wohl nicht mehr laufen.

Helikopter könnten nicht zu den Verwundeten fliegen, weil sie für die gegnerische Luftabwehr ein leichtes Ziel wären. Die Rettungszentren wiederum müssten weit von der Front entfernt sein, um nicht von der gegnerischen Artillerie getroffen werden zu können. Deshalb muss sich der Sanitätsdienst für die Landes- und Bündnisverteidigung neu aufstellen. Er braucht bewegliche Arzttrupps und Rettungstrupps, die mit den Kampfbrigaden entlang der Front unterwegs sind und dort viele verwundete Soldaten vor Ort versorgen können. Er braucht gepanzerte Rettungsfahrzeuge, Feldlazarette und weitaus größere Kapazitäten in den Bundeswehrkrankenhäusern als bisher. Generalarzt Most drückt es so aus: „Außer bei der Streitkräftebasis ist der Bedarf an Personal und Material nirgendwo in der Bundeswehr so groß wie im Sanitätsdienst.“ Anders gesagt: Um verwundete Soldaten in einem konventionellen Krieg in Osteuropa versorgen zu können, sind Milliardeninvestitionen notwendig.

Rettungszentrum vom Typ „Role 2 Enhanced“

Wie groß der Bedarf des Sanitätsdienstes ist, zeigt Most den Zuhörern bei einem Rundgang über den ehemaligen Flugplatz in Gatow. Das Sanitätsregiment 1 hat hier ein Rettungszentrum vom Typ „Role 2 Enhanced“ aufgebaut. Das Rettungszentrum ist ein Grund, warum andere Nationen den deutschen Sanitätsdienst beneiden. Es besteht aus 20 Containern und Zelten, in denen Intensivstation, Röntgenraum, Labor, Sterilisationsmodul und sogar ein Zahnarzt und ein Neurologe untergebracht sind. Im Operationsbereich können gleichzeitig vier Soldaten behandelt werden, im Krankenpflegebereich 24. Das Rettungszentrum vom Typ „Role 2 Enhanced“ gehört zum Besten, was der deutsche Sanitätsdienst im Moment hat. Most führt die Gäste stolz durch die mit Röntgengeräten und Computern ausgestatteten Container. „In diesem Labor kann sogar die Blutgruppe des Verwundeten bestimmt werden, bevor er operiert wird“, sagt er und deutet auf die Mikroskope im Laborraum.

Das Problem ist: Im Moment hat die Bundeswehr nur sechs Rettungszentren dieser Art, vier davon sind in den Auslandseinsätzen und bei Übungen gebunden. Bei hunderten Verwundeten pro Tag wäre das viel zu wenig. Wenn also bis Ende 2031 die drei Divisionen des Heeres wieder voll aufgestellt und einsatzfähig sein sollen, dann müsste parallel dazu auch der Sanitätsdienst einen gewaltigen personellen und materiellen Aufwuchs erfahren. Die bisherigen Ausrüstungs- und Investitionspläne des Verteidigungsministeriums sehen das jedoch nicht vor.

Zurück im Bayerischen Wald beim Lehrgang „Taktische Verwundetenversorgung“: Sascha Kaiser hat eine neue Aufgabe bekommen. Gemeinsam mit den anderen Soldaten soll er einen Verletzten nach einem Autounfall versorgen. Die Prüfer haben Kaiser zum Führer seines Sanitätstrupps ernannt. Er muss nun zeigen, dass er die anderen Soldaten in dieser Stresssituation anleiten kann. Der Verletzte, wieder simuliert durch eine mehrere zentausend Euro teure Spezialpuppe, ist hinter dem Steuer eines „Fuchs“ eingeklemmt. „Blut“ tropft aus den Ohren der Puppe. Sie stößt sogar Schmerzensschreie aus. „Fass‘ du an den Beinen an, ich nehme ihn unter den Schultern“, sagt Sascha Kaiser zu seinem Kameraden. Gemeinsam versuchen sie die 80 Kilogramm schwere Puppe aus dem Fahrzeug zu hieven. Doch sie haben Schwierigkeiten. Die Fahrerkabine ist eng, die Beine der Puppe verhaken sich am Lenkrad. Kaiser befiehlt zwei weitere Kameraden hinzu. Zu viert schaffen sie es schließlich, den Verletzten aus dem Fahrzeug zu bergen.

Am Boden weist Sascha Kaiser einen Kameraden an, das blutende Bein der Puppe abzubinden. Dann checkt er den Blutdruck. Nach zehn Minuten ist die Prüfung wieder vorbei. Oberstabsarzt Pregler und die anderen Ausbilder besprechen die Leistung der Soldaten. „Er hat seine Führungsrolle gut angenommen“, sagt Pregler diesmal zufrieden. „Die Zusammenarbeit zwischen den Soldaten hat gut funktioniert“. Ein anderer Arzt wendet ein: „Auf den Kopf des Verletzten haben sie überhaupt nicht geachtet. Der wurde hin und her geschüttelt. Bei einem schweren Schädel-Hirn-Trauma wäre der Patient gestorben“, sagt er. Trotzdem einigen sich die Prüfer darauf, an dieser Station alle Soldaten durchkommen zu lassen.

Während sich die Prüfer beraten, sitzt der Hauptfeldwebel an einem kleinen Feuer, über dem er Wasser erwärmt. Dann schüttet er ein Päckchen Kaffeepulver aus seinem EPA-Paket in die Tasse. „Ich will das Abzeichen unbedingt haben“, sagt er und nimmt einen Schluck. Die Lehrgangsteilnehmer müssen drei Tage im Wald verbringen, sie schlafen unter Planen, die an Ästen befestigt sind. „Am Schlimmsten ist das ständige Herumlaufen mit dem schweren Gepäck“, sagt Kaiser mit erschöpfter, heiserer Stimme. Seine Kameraden nicken. Wer das Abzeichen haben möchte, muss Strapazen aushalten können. Während der drei Tage haben die Sanitäter eine Marschstrecke von zirka 30 Kilometern zurückzulegen und dabei immer ihr Handwerk zu beherrschen. Das wichtigste ist, dass der Patient überlebt. Wer das nicht schafft, wird den Lehrgang nicht bestehen.

Aus der „Golden Hour“ wurde eine Zwei-Stunden-Regelung

Es gibt kaum ein Land in der Nato, das an die Versorgung verwundeter Soldaten so strenge Maßstäbe anlegt wie Deutschland. Auf dem Balkan und in Afghanistan galt lange Zeit die eherne Regel der „Golden Hour“. Sie besagte, dass ein Soldat spätestens 60 Minuten nach einer Verwundung auf einem OP-Tisch liegen muss. Der Bundestag machte mitunter seine Einsatzmandate davon abhängig, ob die Bundeswehr eine Garantie für die Einhaltung der Regel geben konnte. Doch vor Ort zeigte sich, dass die „Golden Hour“ den Einsatzradius mitunter erheblich einschränkte und damit die Erfolgsaussichten der Mission. In größerer Entfernung von einem Feldlager mit einem Lazarett konnten die Truppen nur operieren, wenn Rettungshubschrauber verfügbar waren. Inzwischen wurde aus der „Golden Hour“ eine Zwei-Stunden-Regelung. Damit können Operationen nun etwas weiter entfernt vom Feldlager geführt werden. Das sorgt indes dafür, dass die Sanitäter vor Ort längere Zeit überbrücken müssen, ehe der Verwundete in ein Lazarett geschafft werden kann.

Um die „Zwei-Stunden-Regel“ bei einem Krieg im Osten Europas gegen einen gleichwertigen Gegner einhalten zu können, müssen die Verantwortlichen des Sanitätsdiensts vollkommen umdenken. Generalarzt Most hat da einige Ideen. „Ich möchte mobile Operationscontainer, die auf einen Lastwagen verladen werden und zu den verwundeten Soldaten ins Kampfgeschehen fahren können“, sagt er, während er im Schockraum des Rettungszentrums in Berlin-Gatow steht, neben ihm Soldaten mit blutdurchtränkten Verbänden um den Bauch oder Oberschenkel. Sie sind auf eine Minensperre gefahren, natürlich nur fiktiv, wie das bei Übungen immer so ist. Sie dienen Most aber dazu, seine Ausführungen entsprechend eindrücklich zu untermalen. Schwerverletzte muss die Bundeswehr bisher immer erst in ein Feldlazarett bringen, um sie operieren zu können. Das will der Generalarzt ändern. Chirurgen und Anästhesisten mit mobilen OPs sollen die Truppen ins Feld begleiten – und innerhalb von 30 Minuten einen Verwundeten behandeln können, erklärt Most.

Das Problem ist: OP-Container auf gepanzerten Lastwagen gibt es noch nicht. Most hat seine Vorstellungen inzwischen zwar dem Beschaffungsamt (BAAINBw) übermittelt. Doch auf die Frage, wie lange es dauern werde, bis die gepanzerten OP-Lastwagen entwickelt und eingeführt werden können, zuckt er mit den Schultern und hebt die Hände. Soll heißen: Er weiß es nicht.

Bis dahin muss sich die Bundeswehr anders behelfen. Die Soldaten des Sanitätslehrregiments 1 zeigen auf dem Rollfeld des Flugplatzes in Berlin-Gatow, wie das gehen könnte. Ein Lastwagen kommt heran, Soldaten hieven zwei Zelte von seiner Ladefläche. Eines davon sieht aus wie ein gefaltetes Gummiboot. Die Soldaten schließen ein Aggregat an und pumpen Luft in die Kammern des Gummizelts. Das alles dauert nur ein paar Minuten.

Chirurgen erst nach 16 Jahren voll ausgebildet

Gleichzeitig bauen andere Soldaten das zweite Zelt auf. Dazu hieven sie hölzerne Bodenplatten von der Ladefläche des Lastwagens und richten sie in einem Quadrat auf dem Rollfeld an. Nach zwanzig Minuten ist gerade einmal die Hälfte der Bodenplatten verlegt. In dieser Zeit ist das andere Zelt schon aufgeblasen und damit fertig aufgebaut. Ein Soldat tritt an das Mikrofon und erklärt etwas umständlich: „Der Vorteil der Zeitersparnis im Rahmen der Verlegung, welcher bei luftgestützten Zelten erreicht wird, ist essenziell wichtig, um im Rahmen der beweglichen Gefechtsführung im Systemverbund Land einer Kampftruppenbrigade zu folgen und die Rettungskette für unsere Soldaten jederzeit gewährleisten zu können.“ Vereinfacht gesagt: Die Bundeswehr hätte gern mehr aufblasbare Zelte. Derzeit hat sie nur 183 davon – und 811 von den schweren Zelten.

Generalarzt Most führt seine Gäste wieder zurück in den Schockraum des Rettungszentrums. Unter Einsatzbedingungen würden die Verwundeten hier für die Operation vorbereitet. Vom Schockraum führt ein Durchgang zum OP. Mehrere Chirurgen behandeln dort gerade einen Patienten, dem ein Teil des Darms aus der Bauchdecke quillt. Auch hier simuliert wieder eine Puppe den Verwundeten. „Wir brauchen mehr Chirurgen, aber es dauert 16 Jahre, bis sie ausgebildet sind“, sagt Most und beobachtet die Ärzte. Neben der Ausrüstung, das will er sagen, fehlt dem Sanitätsdienst auch Personal.

Das war lange Zeit nicht so. Noch vor knapp zehn Jahren gab es mehr Bewerber als Stellen beim Sanitätsdienst. Doch dann musste Personal abgebaut werden, Ausbildungsstellen wurden gestrichen. „Das rächt sich jetzt“, sagt Mike Eichler, stellvertretender Kommandeur des Sanitätsregiments 1. Der Personalmangel zeigt sich etwa bei Feldwebeln für Zahnmedizin und Laborgehilfen. Teilweise ist nur ein Viertel der Stellen besetzt.

Große Konkurrenz durch Wirtschaft in Süddeutschland

Vor allem in Süddeutschland fällt es der Bundeswehr schwer,  Bewerber für die technischen Bereiche des Sanitätsdiensts zu finden. Zu groß ist die Konkurrenz durch die Wirtschaft, die Berufseinsteigern mehr Gehalt bieten kann als der Sanitätsdienst der Bundeswehr. „Deshalb bauen wir unsere Präsenz im Osten und Norden des Landes aus“, sagt Generalarzt Most. Ein neues Sanitätsregiment ist zum Beispiel im münsterländischen Rheine geplant. Dazu wird die bisher von der Luftwaffe genutzte Theodor-Blank-Kaserne in Rheine-Bentlage für den Sanitätsdienst reaktiviert.

Im Bayerischen Wald versinkt die Sonne hinter den Baumwipfeln. Nebel steigt auf. Die Stimmung unter den Lehrgangsteilnehmern sinkt. Warten, Prüfung, wieder warten, durch den Wald laufen und das alles bei nasskaltem Wetter – das zehrt an den Nerven. Doch nun haben sie eine ganz besonders harte Aufgabe zu erfüllen. Sie müssen einen abgestürzten Fallschirmjäger finden, versorgen und kilometerweit zum Hubschrauberlandeplatz tragen. Der damit verbundene Verwundetentransport ist etwas, das so gut wie jeder Soldat fürchtet. Diese Aufgabe erfordert Kraft, Ausdauer, Disziplin und eiserne Nerven. Sascha Kaiser und seine Kameraden müssen sich dabei mithilfe ihrer Nachtsichtbrille durch den dunklen Wald schlagen sowie bei dem Verletzten einen intravenösen Zugang und eine Drainage legen. In dieser Nacht wird sich zeigen, wer das Abzeichen „Taktische Verwundetenversorgung“ wirklich verdient.

Am nächsten Tag haben die Strapazen dann ein Ende. Die Soldaten packen die Zeltplanen zusammen und löschen das Lagerfeuer. Alle haben den Lehrgang bestanden, außer einer: Sascha Kaiser. „Die Kunst ist, sich noch auf den Rettungsalgorithmus zu konzentrieren, obwohl man körperlich am Ende ist. Das hat er nicht gut genug gekonnt“, begründen die Prüfer ihre Entscheidung.

Für den Hauptfeldwebel aus München ist das bitter. Bis zum Schluss hat er durchgehalten und es dennoch nicht geschafft. Er wolle es im nächsten Jahr erneut versuchen, sagt er.

*Name des Soldaten auf dessen Wunsch geändert

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