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13.09.2017

Aus der aktuellen loyal: Wir Voyeure!

von Carsten Stormer

Am 19. August 2014 stirbt die Hoffnung, meinen Freund James Foley lebend wiederzusehen, zwei Jahre nachdem ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Tagelang trauere ich um meinen Freund, beweine seinen Tod und feiere sein Leben. „Ich werde dich nicht vergessen, Dude“, schreibe ich ihm in einer Facebook-Nachricht, die er niemals lesen wird.
Diese Wut, die Trauer, die Hilflosigkeit. Es ist so leicht, in die Falle der IS-Propaganda zu tappen. Die Terroristen wollen Angst verbreiten, Menschen einschüchtern, und es funktioniert – beispielsweise schon dann, wenn sich die Mitmenschen fragen, ob der Mann mit Gebetskäppchen in der Schlange vor der Kasse im Supermarkt einen Anschlag plant oder ob die verschleierte Frau in der U-Bahn nicht doch mit dem IS sympathisiert, die Morde begrüßt, die westliche Gesellschaft ablehnt und bekämpft.

Auch in mir schlummert ein Voyeur. Ich kämpfe gegen den Impuls an, die brutalen Propagandavideos des IS anzusehen. Muss ich tatsächlich sehen, wie einem Menschen der Kopf abgetrennt wird? Genügt es nicht zu wissen, dass es passiert ist? Ich versuche, dem Drang zu widerstehen, einem Hilflosen, dem Kriminelle das Messer an die Kehle setzen, beim Sterben zuzusehen. Nur so kann ich dem Opfer jene Würde zurückgeben, die ihm Fanatiker rauben wollen. Es braucht nicht viel Fantasie, um zu verstehen, dass James Foley und die anderen westlichen Geiseln einen grauenvollen Tod gestorben sind. Dazu Hunderte oder gar Tausende Syrer. Die Hinrichtungen sind ein Attentat auf alle, die an eine freiheitlich-demokratische Grundordnung glauben. Deshalb gilt es, Respekt vor den Opfern und ihren Familien zu zeigen – und vor sich selbst. Aus dem gleichen Grund würde ich mir keine Vergewaltigungsvideos ansehen und dies als „news“ verkaufen.

Erst nachdem sich der Schock über James Ermordung legt, erkenne ich auch ganz rational: Diese schreckliche Sequenz ist keine Nachricht, nichts, das irgendeinen journalistischen Wert hätte. Zwei Wochen darauf wird der US-Journalist Steven Sotloff enthauptet. Zehn Tage später erleidet der britische Helfer David Haines das gleiche grausame Schicksal, kurz darauf der britische Taxifahrer Alan Henning. In Algerien töten IS-Sympathisanten einen französischen Bergführer. Jedes Mal filmen die Verbrecher die Morde. In den Foren des Internets diskutieren und kommentieren die Menschen die Videos. Die meisten wollen sehen, wozu der Mensch fähig ist, welches Grauen er Mitmenschen antun kann. Ein billiger Thrill, angereichert mit Verschwörungstheorien. Was folgt, ist weltweit Hass und die geistige Sippenhaft aller Angehörigen einer Religion. Ohne erkennen zu wollen, dass es gerade Moslems sind, die am meisten unter der IS-Gewalt leiden.

Als Journalist und Mediennutzer muss ich versuchen, die Würde des Menschen zu achten – auch im Tod. Nur so überschreite ich nicht die Grenze zwischen Aufklärung und Sensationslust. Das gelingt nicht immer: Ich erinnere mich an den Reporter, der vor laufender Kamera die Koffer der Opfer des Flugzeugabsturzes von MH-17 durchwühlte. Ein moralischer Kopfschuss. Der Journalist hat sich anschließend entschuldigt. Doch der Schaden war angerichtet.

Das mit der Würde ist indes so eine Sache. Denn ich stolpere in Krisengebieten ständig durch moralische Minenfelder. Wann halte ich die Kamera drauf, wann nicht? Der befreundete ?Krisenfotograf Andy Spyra sagt: „Die Moral ist ein langsamer Begleiter. In solchen Momenten entscheiden die Intuition, der Charakter, die Sozialisierung, die Empathie.“ Und trotzdem gibt es immer wieder Momente, in denen das eigene Wertesystem versagt.
Auch bei mir. Ich erinnere mich an einen Moment in Aleppo. In einem Zimmer, das als Leichenhalle diente, filmte ich einen Jungen, der um seinen toten Vater trauerte. Er weinte still. Tränen liefen ihm über die Wangen und tropften in das Blut seines Vaters. Ich filmte diese Szene, minutenlang; taub, emotionslos, ohne Empathie. Dann drehte sich der Junge zu mir um, schaute mir in die Augen, sagte kein Wort und verschwand. Und plötzlich schämte ich mich. Noch heute denke ich oft an diese Szene und wünschte mir, ich hätte den Jungen ein paar Minuten allein gelassen, um sich von seinem Vater zu verabschieden.

Oft handele ich vor Ort reflexartig. Manchmal auch ganz bewusst. Wer etwas bewegen will, braucht bewegende Bilder. Manchmal ist die Kamera mein Schutzschild, um das Grauen, das sich vor den eigenen Augen abspielt, auf ?Distanz zu halten.
Die Würde also. Sie stirbt im Krieg zuerst, nicht die Wahrheit. Wahrheit ist ein dehnbarer Begriff. James Foleys Mörder wollten dem Journalisten, dem US-Amerikaner, dem Bruder, dem Freund die Würde nehmen. Sie haben sich selbst entwürdigt. Es gibt eine Szene in diesem Video, in der wartet James auf die Hinrichtung. Seine gesamte Haltung zeigt, dass ihm die Islamisten nicht die Selbstachtung nehmen konnten. Trotzig schaut er in die Kamera, stumm, aber tapfer. Dieses Standbild von meinem Freund sollten wir in Erinnerung behalten. Es ist sein stolzes Aufbegehren gegen seine Mörder, und dieses Aufbegehren muss die Welt sehen – unverpixelt. Den anschließenden Todeskampf von Foley, Sotloff oder Haines muss dagegen niemand sehen.
Natürlich muss darüber berichtet werden, wenn Journalisten abgeschlachtet werden. Aber ihr Leid und der Todeskampf, der Moment des Todes, wenn der Kopf vom Rumpf getrennt wird, müssen tabu bleiben. Solche Szenen sollten jenen Experten vorbehalten bleiben, die analysieren, ob diese Videos echt sind, oder die nach Hinweisen auf die Mörder suchen.

Dennoch, so finde ich, gibt es auch Bilder, denen wir uns nicht verschließen dürfen. Bilder von Opfern nach einem Giftgasangriff in Damaskus beispielsweise. Das ist ein Kriegsverbrechen und muss belegt werden. Oder Aufnahmen von der verheerenden Wirkung der Fassbomben, die Assads Truppen auf die syrische Stadt Aleppo abwerfen. Oder in Panik geflohene Jesiden, die auf einem Berg langsam verdursten. Alles Ereignisse, vor denen wir am liebsten die Augen verschließen möchten. Und doch transportieren sie eine jeweils andere Botschaft. Diese Bilder rütteln auf und befriedigen nicht einfach nur Sensationsgier.

Zu meiner Aufgabe als Journalist gehört es, Nachrichten zu analysieren und zu filtern, nach Inhalten und neuen Informationen abzuklopfen, Ereignisse verständlich zu machen und einen Kontext herzustellen. Dazu gehören auch scheußliche, unmenschliche Bilder. Aber sie geben Einblicke in und Auskunft über die Welt des IS. Für Propagandazwecke inszenierte Hinrichtungen oder unter Zwang genötigte Aussagen, Ansprachen oder Geständnisse von Geiseln, die um ihr Leben fürchten, gehören nicht dazu. Als Journalist darf ich nicht zum Erfüllungsgehilfen von Mördern und Terroristen werden. Niemals.
Es gibt viele Gründe, die Schrecken des Krieges zu zeigen. Für mich als Reporter, der oft Kriegsgebiete bereist, sehr viel Elend sieht, sind Tote, verstümmelte Leichen Alltag. Und doch übe ich ständig Selbstzensur, wäge ab. Wie viel brutale Realität kann ich oder muss ich zeigen, wie viel darf man den Lesern oder Zuschauern zumuten? Es ist ein schmaler Grat, auf dem man wandelt – als Berichterstatter und als Redakteur, der entscheidet, was gedruckt wird. Ich bin der Meinung, dass bestimmte Gräueltaten gezeigt werden müssen. Die Opfer des Genozids in Ruanda. Was ein Giftgasangriff anrichtet und so weiter. Das ist die Realität des Krieges. Und wer vor dieser Realität die Augen verschließt, verwandelt Krieg und seine Auswirkungen in ein weichgespültes Wohnzimmerereignis.

Ohne Bilder gibt es keine Belege, rede ich mir weiterhin ein. Ich weigere mich, diesen letzten Rest Naivität zu verlieren. Worte allein reichen oft nicht aus, um die Realität zu vermitteln. Ohne Bilder keine Zeugnisse, auch für die Aufarbeitung eines Krieges nach dessen Ende. Ja, ohne Bilder findet ein Krieg oft nicht einmal im Bewusstsein der Öffentlichkeit statt – oder erst sehr spät.

Viele Debatten gehen ja inzwischen wieder am Thema vorbei: Haben die Journalisten etwa gar selbst Schuld, wenn sie sich in diese Gefahr begeben? Darf man überhaupt aus diesen Gebieten berichten? Handeln sie unverantwortlich, weil sie als Druckmittel gegen ihr Land missbraucht werden könnten? Ist es dieses Risiko wert?

Als Journalist sage ich: jetzt erst recht. Wegsehen ist die Aufgabe der Duckmäuser, nicht die der Journalisten. Meine Aufgabe ist es zu berichten, sei es aus Syrien, aus dem Irak oder auch vom Parteitag der SPD. Ich bin dazu verpflichtet. Die Risiken sind mir durchaus bewusst. James Foley, Steven Sotloff und die anderen Ermordeten haben für diese Haltung mit ihrem Leben bezahlt.


Carsten Stormer „Die Schatten des Morgenlandes. Die Gewalt im Nahen Osten und warum wir uns einmischen müssen“; Verlag Bastei Lübbe 2017, 320 Seiten, 16 Euro


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