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29.02.2012

Sicherheitspolitisches Forum: "Nächster 9/11 kommt per E-Mail"

Deutschland wird angegriffen! Dauernd. Sogar jetzt, in diesem Moment. Gemeint sind nicht etwa terroristische Angriffe wie am Frankfurter Flughafen. Auch um die rechten, linken und islamistischen Angriffe auf unsere Demokratie geht es nicht. Die Gefahr lauert vielmehr  in der virtuellen Welt, ist aber doch real.

"Wir registrieren am Tag mehrere tausend Hacker-Angriffe auf die Rechner der Bundesverwaltung", sagt Horst Flätgen, Vizepräsident des Bundesamtes für Sicherheit und Informationstechnik (BSI). Eben jene Cyber-Sicherheit war neben Terrorismus und internationaler Kriminalität das Kernthema beim Sicherheitspolitischen Forum NRW am Montagabend in der Bonner Friedrich-Ebert-Stiftung.

Eine nationale Lösung gibt es nicht
Vor rund einem Jahr hat das BSI sein Nationales Cyber-Abwehrzentrum eröffnet - wir berichteten. Die Feuertaufe haben Flätgen und sein Spezialistenteam bestanden: Gemeinsam mit russischen Behörden gelang es, einen groß angelegten Angriff auf die Infrastruktur des Bundes zu vereiteln. Eine nationale Lösung gibt es bei dieser Sicherheitsthematik nicht. Bis auf wenige Ausnahmen ist die Bundesbehörde mit Kollegen auf der ganzen Welt vernetzt, um den Online-Kriminellen das Leben schwer zu machen.

"Wir haben es mit spezialisierten Gruppen zu tun", sagt Flätgen. "Die Werkzeuge sind einfach verfügbar, günstig und bieten ein geringes Entdeckungsrisiko. Ein halbwegs 'guter' Trojaner ist schon für rund 100 US-Dollar zu beschaffen", berichtet der BSI-Vize. "Und Handelsübliche Programme haben eine Fehlerquote von 2,5 Promille, diese Schwachstellen suchen die Kriminellen." Die Schad-Software komme über infizierte Webseiten, pdf-Anhänge, individualisierte Mails oder mittels USB-Stick auf den Rechner. Zu dieser Thematik hat das BSI zahlreiche Publikationen herausgegeben. Sie sollen den Bürgern eine Hilfestellung geben und Sorgen nehmen vor der für manche noch neuen Technik.

Tatwerkzeug und Tatort in einem
"Das nächste 9/11 wird uns möglicherweise per E-Mail erreichen", sagt Erich Rettinghaus, NRW-Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. Das Internet sei nun einmal ein Schlüsselmedium - Tatwerkzeug und Tatort in einem. Auch die Polizei in NRW musste ihre Internetseiten nach einem digitalen Angriff vom Netz nehmen.

Ihre Spielwiese haben Cyber-Kriminelle aber woanders entdeckt: Vor allem mittelständische Unternehmen werden zur Zielscheibe von Schutzgelderpressung 2.0, wie eine Publikumsmeldung bestätigte. "Die Computerfreaks gehen des Geldes wegen zu den großen Unternehmen oder sie bleiben im Verborgenen. Beim Mittelstand gibt es keine Freaks, da setzt man an", so der offensichtliche Kenner der Hacker-Szene. An BSI und Polizei gerichtet sagte er: "Egal, welche Uni-Absolventen Sie anwerben, Sie spielen mit einer Regionalliga-Mannschaft gegen die Champions League." Man müsse nicht die Deutsche Börse attackieren, schon ein Angriff auf die Server des Internetanbieters 1&1 reiche aus, um halb Europa vom Netz zu nehmen. "Wir sind auf Augenhöhe und können in der Champions League mitspielen", entgegnete Flätgen.

Islamistischer Terrorismus bleibt eigentliche Bedrohung
NRW-Innenminister Ralf Jäger betonte: "Wir leben in einem sicheren Land. Diese Sicherheit ist ein wertvolles Gut, das wir nicht aufs Spiel setzen dürfen." Die Gedenkveranstaltung für die Opfer des rechten Terrors am 23. Februar sei wichtig gewesen. "Das waren Anschläge gegen unsere Demokratie, gegen uns alle." Man dürfe aber auch nicht den Blick verschließen, dass die eigentliche Bedrohung der islamistische Terrorismus bleibt.

Wie Rettinghaus sprach sich der SPD-Politiker in diesem für eine Vorratsdatenspeicherung aus. Hier gelte es Bürgerrechte und den Sicherheitsgedanken gegeneinander abzuwägen, allerdings sei inzwischen eine gewisse Lücke erreicht. Zudem sei die Speicherung von Telefonaten oder E-Mail-Kontakten nur auf besonders schwere Fälle zu beschränken. "Ein Staat, der nicht in der Lage ist, seine Bürger zu schützen, ist kein Rechtsstaat."

Rund zweieinhalb Stunden diskutierten Flätgen, Rettinghaus und Jäger unter der Moderation von Oberst a.D. Hans-Joachim Schaprian. Neben der Online-Kriminalität ging es zudem um Terrorismus, um die Zwickauer Zelle und um die Bekämpfung internationaler Kriminalität. Das Sicherheitspolitische Forum NRW bietet bis zu drei Veranstaltungen pro Jahr an. Zu den Foren werden hochrangige Personen aus dem sicherheitspolitischen Bereich, aus Politik und Wissenschaft eingeladen.

Auch Vertreter des Reservistenverbandes sind bei den Sicherheitspolitischen Foren regelmäßig vor Ort. In ihrer Mittlerrolle sollen die Reservisten so in die Lage versetzt werden, sich mit diesen sicherheitspolitisch relevanten Themen auseinanderzusetzen.

Spruch des Tages
Sicherheit ist ein weit gefasster Begriff und betrifft viele junge Menschen. Die Behörden in NRW haben 140 Lebensläufe untersucht und festgestellt, dass junge Menschen besonders in schwierigen Lebensphasen anfällig für Extremismus sind. Dazu bemühte Jäger folgendes Zitat: "Begegnen junge Leute in so einer Lebensphase einem Rechtsextremen, werden sie selbst rechtsextrem. Begegnen sie einem Linksextremen, werden sie selbst linksextrem. Begegnen sie einem radikalen Islamisten, werden sie selbst Islamist. Begegnen sie Horst Hrubesch, werden sie leidenschaftliche Fußballer."

Sören Peters

Symbolbild oben:
Eine rote Hand auf dem Bildschirm signalisiert:
"Stop - für Cyberkriminelle geht es hier nicht weiter".
Die Maske steht sinnbildlich für die Aktivisten-/Hackergruppe Anonymous.
(Foto: Gerd Altmann/pixelio.de, raincoaster/flickr, Montage: spe)

Zweites Bild:
BSI-Vizepräsident Horst Flätgen registriert jeden Tag
tausende Angriffe auf Rechner der Bundesverwaltung.

Drittes Bild:
Erich Rettinghaus, NRW-Landesvorsitzender
der Polizeigewerkschaft, spricht beim
Sicherheitspolitischen Forum in Bonn.

Viertes Bild:
NRW-Innenminister Ralf Jäger. Als einziger Innenminister
kann er zusätzliches Sicherheitspersonal einstellen.
(Fotos(3): spe)

Macht Euch nicht ins Hemd!

Ein Kommentar von Sören Peters

Immer mehr verschwimmen die Grenzen zwischen virtueller und realer Welt. Das Internet hat unser Leben erleichtert: Rund um die Uhr einkaufen, rund um die Uhr Informationen abrufen, Zeitung lesen, Nachrichten gucken, E-Mails verschicken, und und und. All diese Möglichkeiten - so muss es sich angefühlt haben in New York zu der Zeit, als ein Wolkenkratzer nach dem anderen aus dem Boden spross und nachts die Lichter am Times Square funkelten. Es gibt alles. Überall. Zu jeder Zeit.

All diese Möglichkeiten haben ihren Preis: Betrügern und Kriminellen sind unter Umständen Tür und Tor geöffnet. Aber: "Eine gewöhnliche Firewall schützt den privaten Computer gegen etwa 80 Prozent aller schädlichen Programme", sagt BSI-Vizepräsident Horst Flätgen. "Geheimdienste haben an Ihrem privaten Computer kein Interesse. Wenn aber Unternehmen ganze Datenbanken ohne Schutz ins Internet stellen, dürfen sie sich nicht wundern, wenn Anonymous die Kontrolle darüber übernimmt." Ähnlich verhält es sich mit der Speicherung von Daten: "Wer nichts Unrechtes tut, hat auch nichts zu befürchten", beruhigt NRW-Innenminister Ralf Jäger.
 
"Wir sollten die vielen positiven Aspekte des Internet nicht außer Acht lassen", sagt Flätgen. Und Recht hat er. Diesen Satz kann man auch deuten als "Macht Euch nicht ins Hemd!" Wenn man Kinder in Watte packt, haben sie keinen Spaß beim Spielen, oder, um zum alten Bild zurückzukehren: Wer abends am New Yorker Times Square Angst hat, kann die bunten Lichter nicht genießen. Nur sollte man sein Portemonnaie nicht in die Gesäßtasche stecken. Denn gegen zwei Dinge sind alle Kriminellen machtlos: gegen eine gewisse Vorsicht und gegen einen gesunden Menschenverstand.

Zum Thema Cyberwar und Cyber-Sicherheit hat der deutsch-französische TV-Sender arte eine Dokumentation ausgestrahlt. Der Beitrag kann, unterteilt in vier Clips, auf Youtube angeschaut werden.

Cyberangriff auf Europa
Teil 1   Teil 2   Teil 3   Teil 4


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