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05.01.2016

loyal-Titelthema des Monats Januar 2016

Die Ankunft Hunderttausender Flüchtlinge mobilisiert in Deutschland ungeahnte Kräfte, auch in der Bundeswehr. Sie schürt aber auch Hass und Widerstand und spaltet die EU. Vor allem jedoch verändert sie unser Land.

Die neue Völkerwanderung

von Julia Egleder

Es sind dramatische Zeiten, in denen wir leben. Die Welt verändert sich, unser Land verändert sich, wir werden uns verändern müssen. Die Bundeswehr hat schon mal angefangen. Da wird ein pensionierter Oberstleutnant in Erding mal eben Leiter einer Anlaufstelle für 5.000 Flüchtlinge. Da kocht eine Truppenküche, die zur Versorgung von 200 Soldaten ausgerichtet ist, schon mal für 750 Helfer. Und da nehmen Soldaten, die sonst den Luftraum überwachen oder Personal verplanen, Flüchtlingen aus aller Welt Fingerabdrücke ab.

Auf dem Fliegerhorst Erding ist die Zeitenwende, die wir gerade erleben, wie unter dem Brennglas zu betrachten. Bis vor Kurzem wurden hier noch Tornados repariert. Innerhalb von vier Wochen stampften das Technische Hilfswerk, das Deutsche Rote Kreuz und Bundeswehr-Pioniere ein Dorf aus Containern und Zelten mit eigener Strom- und Wasserversorgung aus dem Boden. Hunderte Soldaten packten an, egal welchen Dienstgrads, egal, welchen Dienstpostens. Sie schufen den "Warteraum Asyl", ein Erstankunftslager für Flüchtlinge. Seit der Eröffnung im September herrscht dort der organisierte Ausnahmezustand, die Bundeswehr ist mitten drin. Sie stellt einen Großteil der Helfer, ein bunt zusammengewürfelter Trupp. Da sitzt der Hauptmann vom Einsatzführungsbereich 2 in Erndtebrück neben dem Oberfeldwebel von der Flugbereitschaft in Köln und erfasst Namen, Herkunft und Fingerabdrücke Tausender Flüchtlinge. Geleitet wird das Ganze von Volker Grönhagen, einem pensionierten Oberstleutnant, der den Ruhestand nicht lange ausgehalten hat. "Jeden Tag im Garten werkeln, das hält ja auch keiner aus", sagt er und grinst. Grönhagen meldete sich als freiwilliger Helfer beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge - und wurde umgehend zum Leiter des Wartezentrums Erding befördert. Damit ist er für mehr Menschen verantwortlich als ein Brigadekommandeur.

Deutschland in diesen Zeiten, das ist ein Land, wie es sich maßgebliche Politiker und vermutlich auch viele Menschen vor zehn, 20 Jahren nicht vorzustellen vermochten. Bundeskanzler Helmut Kohl sprach in den 90er Jahren noch voller Überzeugung den Satz: "Deutschland ist kein Einwanderungsland." Schon damals war das falsch, aber Kohl wusste die gesellschaftliche Stimmung auf seiner Seite. Italiener, Türken, Jugoslawen und Griechen galten als "Gastarbeiter", sie wurden behandelt, als blieben sie nur vorübergehend. Die Russlanddeutschen nahm man mit Bauchgrummeln auf und Bosnier und Kosovaren sollten nur so lange bleiben, wie der Krieg in ihrer Heimat tobte. Ausländer bleiben Ausländer, sie haben mit uns nichts zu tun. Das hatte sich festgesetzt in den Köpfen vieler Deutscher. Das war schon damals ein Verdrängungsreflex. Ein großer Irrtum.


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