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15.01.2016

Der Beobachter

Victor von Wilcken war Berufssoldat. Heute engagiert er sich in zivilen Friedenseinsätzen der OSZE. Zuletzt überwachte er die gewaltsam geschaffene Grenze zwischen der Ukraine und Russland auf der Krim.

In den ersten vier Wochen hat er sein neues Leben als ein bisschen gewöhnungsbedürftig empfunden. Er wohnte gemeinsam mit den Kollegen in einem Hotel in der südukrainischen Seehafenstadt Cherson. Sie arbeiteten, aßen und schliefen dort und hockten die ganze Zeit aufeinander. Als dann in der Ostukraine auch noch acht Kollegen als Geiseln genommen worden waren, durften Victor von Wilcken und die anderen Beobachter, die im Dienste der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) standen, das Hotel nicht einmal mehr verlassen. Keine Einkäufe, keine Restaurantbesuche, keine Spaziergänge. Doch dann, nach vier Wochen, in denen sie auch die Wochenenden durchgearbeitet hatten, konnten sich auf einmal alle eine eigene Wohnung nehmen.

Die Sicherheitslage hatte sich entspannt. Und von da an verlief das Leben in der 350.000-Einwohner-Stadt für den 67-Jährigen recht normal, wenn man einmal davon absieht, dass er Tag und Nacht telefonisch erreichbar sein musste. Von Wilcken lebte in einem 20 Jahre alten Wohnblock, "moderater westlicher Standard", wie er sagt. Er kaufte in einem Supermarkt ein, in dem es sogar Westprodukte gab, zum Beispiel italienische Salami, deutsches Bier oder französischen Käse, er ging morgens zur Arbeit und abends mit den Kollegen in Restaurants, und zweimal fuhr der Strohwitwer auch zu seiner Frau nach Berlin in den Kurzurlaub.

Beobachtungsgebiet so groß wie Mecklenburg-Vorpommern
Von Anfang April bis Mitte September 2014 war von Wilcken, Brigadegeneral a.D., als Beobachter der OSZE in der Ukraine. Als Mitarbeiter in einem 30-köpfigen Team leitete er ein sechsköpfiges Subteam, das unter anderem für die Beobachtung der im Zuge der Annexion der Krim neu geschaffenen 120 Kilometer langen Grenze zuständig war. Sie verlief zwischen der Krim und der angrenzenden ukrainischen Verwaltungseinheit Oblast Cherson, die etwa so groß ist wie Mecklenburg-Vorpommern. "Wir sind entweder mit unseren weißen OSZE-Autos auf Patrouille gewesen oder wir saßen im Büro und haben Berichte geschrieben", fasst er seine Arbeitsinhalte grob zusammen. Im Detail war es dann aber doch ein bisschen spannender: Von Wilcken und seine Mitarbeiter - zwei Polizisten, zwei Grenzschutzbeamte, ein Offizier und eine Diplomatin aus den USA, Bulgarien, Ungarn, Moldavien und den Niederlanden - waren dazu da, all das zu beobachten und zu bewerten, was in der Region geschah: Veränderungen an Wasserwegen, der Energieversorgung oder der Grenze, ob von der ukrainischen Regierung angeordnet oder von Privatleuten einfach in die Tat umgesetzt. So sollten sie den Gremien der OSZE in Wien und auch der Öffentlichkeit zu einem neutralen Lagebild und einer realistischen Einschätzung der Sicherheitslage verhelfen. Und potenzielle neue Konfliktfelder, etwa durch eine Unterbrechung von Wasser- oder Energieversorgung, frühzeitig erkennen.

Staudamm gefunden
Zum Beispiel war da die Sache mit dem Nord-Krim-Kanal, einem 400 Kilometer langen Wasserweg, der Wasser aus dem Dnepr auf die ursprünglich sehr trockene Krim lenkt und dort Ackerbau ermöglicht. Immer wieder hatten von Wilcken und sein Team mit den Behörden gesprochen, die die Wasserversorgung der Krim sicherzustellen hatten. Sie hatten auch mit Grenzern und mit der Bevölkerung geredet, um zu erfahren, ob die Ukrainer der annektierten Krim nicht vielleicht das Wasser abgraben wollten. Doch alle Befragten hatten dem OSZE-Team stets versichert, nichts dergleichen werde geschehen. "Bis wir dann eines Tages gesehen haben, dass da ein Kran von einer Brücke riesige Sandsäcke in den Kanal wirft", erzählt von Wilcken heute. "Wir haben uns angeschaut und gerufen: 'Breaking news!'" Dann hätten er und sein italienischer Kollege den verantwortlichen Ingenieur gefragt, was er da mache. Der habe abgewiegelt, ebenso wie das örtliche Wasserwirtschaftsamt, das behauptete, man wolle mithilfe des Damms lediglich die Menge des abgegebenen Wassers messen. Doch den OSZE-Beobachtern war klar, was da passierte: Die Ukrainer bauten den Damm, damit kein Wasser mehr auf die Krim komme. Sie meldeten den Vorfall der OSZE-Zentrale in Kiew, von dort aus gelangte die Meldung nach Wien. "Da hätte ich mit Reaktionen gerechnet", sagt von Wilcken, "das war ja etwas von Substanz, von dem man vermuten konnte, dass es in irgendwelchen Gremien Beachtung finden würde. Aber dann kam doch keine Reaktion". Ob er das unbefriedigend fand? Von Wilcken schüttelt den Kopf. Wenn man die Arbeitsweise der OSZE kenne, sagt er, dann akzeptiere man das.

Sanktionen nicht möglich
Die Organisation sei zu strengster Neutralität verpflichtet, zur bloßen Beobachtung und Einordnung. Sie könne zwar sagen: Das ist nicht in Ordnung, was ihr da macht. Und auch, dass manches nicht gerade zur Deeskalation beitrage. Aber Sanktionen könne sie eben nicht aussprechen. War es denn für ihn als Brigadegeneral a.D. nicht manchmal schwierig, so wenig Gestaltungsspielraum zu haben? Auch hier schüttelt er den Kopf. "Dadurch, dass ich ein Team führen durfte, war es fast wie früher. Ich war für deutlich weniger Leute verantwortlich als damals, aber dafür war es ein internationales Team und wieder eine interessante Aufgabe." Die Ukrainer hätten die Mission begrüßt. Nie seien sie bei ihren Fahrten aufgehalten oder behindert worden. Einmal, als sie gerade zum Dnepr-Stausee unterwegs waren und in Berislav in ihr Auto eingestiegen seien, habe eine ältere Dame ihnen zugerufen: "Wir lieben die OSZE!" Alle Ukrainer hätten gewusst, was die OSZE in ihrem Land mache, einige hätten sich auch bei ihnen bedankt.

Großer Kontrast
Von dem bewaffneten Konflikt auf der Krim habe von Wilcken nicht besonders viel mitbekommen. Angst oder auch nur ein mulmiges Gefühl habe er während der gesamten fünf Monate, in denen er in der Ukraine war, kein einziges Mal gehabt. Allerdings sei ihm und seinen Kollegen bewusst gewesen, dass nur wenige hundert Kilometer von ihnen entfernt, in Donezk und Luhansk, Menschen starben. Viele Binnenflüchtlinge aus der Ost-Ukraine, wo sich die Separatisten Gefechte mit den Regierungstruppen liefern, hielten sich zudem in den Strandbädern am Schwarzen Meer auf, das in dem von ihnen beobachteten Gebiet lag. "Das war schon ein großer Kontrast, weil bei uns das Leben einfach weiterging", sagt von Wilcken im Rückblick.

Evakuierungsplan in der Schublade
So ganz stimmt das dann aber doch nicht, denn es gab für den Fall, dass sie in ihren Büros angegriffen würden, einen Evakuierungsplan. "Wer sitzt in welchem Auto, technische Dinge", sagt von Wilcken und fügt hinzu: "Den Plan gibt es hoffentlich immer noch". Denn auch wenn er selbst nicht mehr als Beobachter in der Ukraine ist - nach fünf Monaten wollte er gern wieder zurück zu seiner Familie - besteht das Mandat der OSZE in der Ukraine und somit auch in Cherson fort. Freiwerdende Stellen werden stetig nachbesetzt, in Deutschland kann man sich dafür beim Zentrum für internationale Friedenseinsätze (ZiF) bewerben, einer Einrichtung des Auswärtigen Amts. Von Wilcken hat das schon 2010 getan, nach dem Ende seiner Dienstzeit als aktiver Soldat, weil ihn die Aufgabe reizte und er mit seinen damals 59 Jahren noch kein Pensionär sein wollte. Mit seinem Lebenslauf und einem Motivationsschreiben stellte er sich vor, dann wurde er zu einem Interview geladen, und eine Woche später war er bereits auf seiner ersten OSZE-Mission als Director for Security Cooperation in Sarajevo.

Angemessene Bezahlung
Vor allem Juristen, Politologen, Polizisten und Soldaten werden vom ZiF gern angeworben, die Bezahlung ist nach Meinung von Wilckens angemessen, allerdings müssen die Beobachter im Ausland Wohnung, Lebensmittel und Heimreisen selbst finanzieren. Wer dem Expertenpool des ZiF einmal angehört, wird nicht automatisch dorthin geschickt, wo jemand wie er gebraucht wird. Interessenten müssen sich für jeden Einsatz neu bewerben und können nach Ablauf der ersten Monate selbst entscheiden, ob sie den Einsatz verlängern wollen. Je nach Einsatzort sind die Sicherheitsvorkehrungen unterschiedlich streng. Während sich die OSZE-Beobachter in Cherson eigene Wohnungen nehmen können, leben ihre Kollegen in Donezk nach wie vor im Hotel. Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit müssen aber alle hinnehmen. So war es von Wilcken und seinem Team verboten, sich in Privatwagen oder Taxen aus Cherson zu entfernen - das war zu gefährlich. "Es bestand ja die Gefahr, dass man uns als Geiseln nehmen könnte, oder dass wir verwundet oder erschossen würden", sagt von Wilcken. Er habe sich aber schnell an diesen Zustand gewöhnt, und in den weißen OSZE-Fahrzeugen hätten sie ohnehin überallhin fahren können. Die Zusammenarbeit mit den einheimischen Grenzern und Militärs sei professionell gewesen: "Die waren froh, dass wir da waren". Kommuniziert hätten sie entweder auf Englisch oder mit Hilfe der insgesamt vier Ukrainer, die als Sprachmittler zu ihrem Team gehörten. Alle Militärbeobachter seien erfahren gewesen, hätten gewusst, "wie viel Abstand wir zu einer Grenze oder zu einem Checkpoint halten mussten, und dass wir mit einem Posten reden mussten, bevor wir uns das von ihm bewachte Objekt anschauten", berichtet von Wilcken. Er selbst hat seit 1968 Erfahrung als Soldat und war mit seiner Familie an 14 verschiedenen Orten stationiert, zuletzt zwischen 2004 und 2007 als Standortkommandant von Berlin, wo er heute noch lebt.

Nur Grenzbeobachtung zur Krim erlaubt
Auf die Krim durften von Wilcken und seine Kollegen nicht. Sie hatten auch keinen Kontakt zu den Russen auf der anderen Seite der Grenze. "Sonst hätte die Russische Föderation der OSZE-Mission nicht zugestimmt", erklärt er. So beobachteten sie nur, wie sich an der administrativen Grenze zwischen der Krim und der Oblast Cherson russische und ukrainische Militärs gegenüberstanden, schwer bewaffnet, Tag und Nacht. Es ist ein Szenario, das von Wilcken bis heute nicht vergessen hat und das für ihn ein Sinnbild ist für die aktuelle Situation auf der Krim. "Ich glaube, dass das ein frozen conflict wird, wie in Georgien, Moldawien, Armenien und Tschetschenien", sagt er.

Zwiespältiges Bild
So bleibt das Bild, das er von der Ukraine in seinem Kopf behalten hat, zwiespältig. Einerseits erinnert er sich an die bewaffneten Soldaten und Grenzer, an das martialische Gesicht des Konflikts, den er, sich bisweilen fast schon ohnmächtig fühlend, lediglich beobachten, aber nicht einmal ansatzweise befrieden konnte. Andererseits denkt er gern an seine Kollegen und an eine Bevölkerung zurück, die er als stolz und freundlich kennengelernt hat. Nur die Fußballbegeisterung der Ukrainer, sagt er lachend, die lasse zu wünschen übrig. So habe er am Abend des WM-Endspiels mit ungarischen und italienischen Kollegen im Auto gesessen, sie waren auf der Fahrt von Odessa zurück nach Cherson. Vor dem Anpfiff hätten sie angehalten, um das Spiel zu sehen, "aber wir mussten sehr lange suchen, bis wir eine Kneipe fanden, die es übertrug. Und just während der Verlängerung haben die dann geschlossen", erzählt er und schüttelt, immer noch ungläubig, den Kopf.

Katrin Hummel für "loyal"

Archivbild oben: Eine OSZE-Wagenkolonne auf dem Weg
zum nächsten Auftrag (Foto: Bundeswehr, OSZE, German Avagyan).

2. Bild: Victor von Wilcken engagiert sich in Friedenseinsätzen
der OSZE (Foto: Hans-Christian Plambeck, loyal).

3. Bild: Waffenschau als vertrauensbildende Maßnahme
(Symbolfoto aus dem Archiv: Bundeswehr, Bienert, flickr).


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