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12.02.2016

Aus der aktuellen loyal: Auf Unterrichtsbesuch

Jugendoffiziere sollen mit sogenannten Friedensaktivisten vor Schulklassen auftreten. So ist es in Bundesländern wie Sachsen-Anhalt geregelt. Doch die Realität sieht anders aus, wie ein Besuch an einem Gymnasium in Zeitz zeigt.

Es ist ein nebliger Morgen in Zeitz. Der Pausengong ertönt und die 20 Schüler des Politik-Oberstufenkurses am Geschwister-Scholl-Gymnasium trudeln im Klassenraum ein. Eine besondere Unterrichtsstunde steht an. Jugendoffizier Marcus Haase aus Weißenfels kommt zu Besuch. "Einige von euch kennen mich ja schon vom POL&IS-Planspiel", leitet der Hauptmann die Stunde ein. Thema seines Vortrags ist der internationale Terrorismus, insbesondere der sogenannte "Islamische Staat". "Ihr könnt ruhig 'Du' zu mir sagen", sagt Haase. Er will eine lockere Atmosphäre schaffen, nicht oberlehrerhaft wirken. Die Schüler sollen sich wohlfühlen und mitmachen. Dann beginnt seine Präsentation. Vorneweg schiebt er: "Ihr müsst keine Angst haben, dass hier am Ende Infobroschüren oder Verträge mit der Bundeswehr ausgeteilt werden." Es könnten aber alle Fragen gestellt werden. Er werde sie ehrlich beantworten.

Jugendoffiziere an Schulen - das ist in Deutschland nicht mehr selbstverständlich. Es gibt Bundesländer, in denen Soldaten in Klassenzimmern unerwünscht sind. Sie seien Werbeträger für die Bundeswehr und die Bundeswehr führe Krieg, ergo: Soldat gleich Kriegstreiber. Diese Argumentation ist krude, aber in einigen Ländern politisch populär. Etwa in Sachsen-Anhalt, in dessen Süden die Stadt Zeitz liegt. Der Landtag in Magdeburg hat entschieden, Jugendoffiziere sollten in Schulen nur noch auftreten dürfen, wenn auch ein "Friedensaktivist" als Gegenpart anwesend ist. Der Auftritt von Marcus Haase zeigt, dass die Realität oft anders aussieht. Er steht allein vor der Klasse.

BMVg nimmt wachsendes Interesse von Schulen wahr
Im Jahr 2014 kamen die 78 Jugendoffiziere der Bundeswehr auf bundesweit 5.520 "Einsätze" mit knapp 160.000 Schülern. Das Angebotsspektrum reicht vom Unterrichtsbesuch über Informationsveranstaltungen zu deutscher Sicherheitspolitik und die Simulation "POL&IS" (Politik und internationale Sicherheit) bis zum "Blick hinter den Kasernenzaun". Damit sind Truppenbesuche gemeint. Das Verteidigungsministerium registriert nach eigenen Angaben ein wachsendes Interesse von Schulen und Schulklassen an Sicherheitspolitik. Am stärksten gefragt seien Vorträge zum sogenannten "Islamischen Staat".

Marcus Haase hat Pädagogik und Soziologie studiert. "Was meint ihr: Warum sollten wir uns mit dem Islamischen Staat beschäftigen?", fragt er in die Klasse. Sicher, wegen der aktuellen Flüchtlingsthematik. "Allerdings ist die Zahl derer, die hier in Europa ankommen, im Vergleich zu den Nachbarländern der Krisenstaaten noch ziemlich gering", relativiert er. Warum also noch? "Auch wegen unserer Sicherheit", erklärt ein großer Teil der Schüler. "Und wegen unserer Bündnispartner", fügt der Jugendoffizier hinzu.

"Terrorismus ist ein Problem von vielen"
Doch Sicherheit, was ist das überhaupt? Und was ist Terrorismus? Haase versucht, den Schülern Definitionen aus der Politikwissenschaft verständlich zu machen: "Sicherheit ist, wenn man keine Angst haben muss." Dann fragt er, was die Schüler ängstigt. Sie reagieren eher zurückhaltend: "Epidemien", "Wirtschafts- und Finanzkrisen", "Ausnahmezustände und Unruhen" sowie "Kriminalität", so lauten die Antworten. Der Hauptmann zitiert aus den verteidigungspolitischen Richtlinien der Bundesregierung. Danach bedrohten Terrorismus, Massenvernichtungswaffen, regionale Konflikte, Störungen des Rohstoff- und Warenverkehrs und demographische, ökonomische und ökologische Risiken die Sicherheit Deutschlands. "Terrorismus ist also ein Problem von vielen", stellt Haase fest.

Die Jugendoffiziere sind laut Definition "Träger der Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr". Ihr Auftrag besteht darin, Stellung "zu militärischen und sicherheitspolitischen Grundsatzfragen im Sinne der Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland" zu nehmen und zu informieren. Auch wenn die Nachwuchsgewinnung für die Bundeswehr nicht in ihren Aufgabenbereich fällt, stehen sie immer wieder in der Kritik. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bemängelt, dass die aus dem Verteidigungsetat finanzierten Arbeitsmaterialien der Jugendoffiziere häufig unkritische Botschaften vermittelten, etwa in der Broschüre "Wann ist Krieg erlaubt?". Es gebe, so die Gewerkschaft, keine Trennung von Informationsarbeit und Nachwuchsgewinnung. Und die Gefahren des Soldatenberufs würden bei PR-Maßnahmen wie den "Bundeswehr Adventure Camps" unter den Tisch gekehrt.

Welche Forderungen die GEW daraus ableitet, bleibt jedoch unklar. In einem Kommentar in der "Zeit" forderte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe im  Dezember 2013 eine "intensive Diskussion über die Rolle der Bundeswehr und Fragen der Friedens- und Sicherheitspolitik - auch mit den Soldaten der Bundeswehr, aber nicht von ihnen dominiert". Ein merkwürdiger Satz, denn seit wann sind es Soldaten, die in der Bundesrepublik Deutschland die sicherheitspolitische Debatte bestimmen? Stattdessen Populismus: Die GEW hat die Kampagne "Wir müssen draußen bleiben - Friedensbildung statt Militärwerbung" initiiert. Wer dann allerdings statt der Jugendoffiziere über Sicherheitspolitik an Schulen referieren soll, lässt die GEW unbeantwortet.

Im Koalitionsvertrag aus dem Jahr 2013 stellt die Bundesregierung aus CDU, CSU und SPD fest: "Der Zugang der Bundeswehr zu Schulen, Hochschulen, Ausbildungsmessen und ähnlichen Foren ist für uns selbstverständlich." Da Bildung jedoch Ländersache ist, sieht die Realität komplexer aus. Mit Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Sachsen gibt es in der Hälfte der deutschen Bundesländer Kooperationsvereinbarungen zwischen den Ländern und der Bundeswehr. Darin wird die Zusammenarbeit zwischen Bildungsträgern und Streitkräften beschrieben.

Keine Indoktrination in der politischen Bildung
Doch wie sie konkret aussieht, wird von Land zu Land anders gehandhabt.  Während der Bundeswehr in einigen Ländern ein privilegierter Zugang zu Schulen und zur Lehrerausbildung eingeräumt wird, stellen andere die Bedeutung des Beutelsbacher Konsens, heraus. Demnach darf es in der politischen Bildung keine Indoktrination geben, kontroverse Positionen in Wissenschaft und Politik müssen auch im Unterricht beachtet und Schüler befähigt werden, ihre eigenen politischen  Interessen zu analysieren. Unterschiedliche Meinungen müssen demnach auch in der politischen Bildung und im Unterricht berücksichtigt werden. Um das zu gewährleisten, bieten manche Bundesländer Handreichungen für Lehrer an, in denen Hinweise zur Unterrichtsgestaltung gegeben werden.

Auch in Sachsen-Anhalt, und somit für das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Zeitz, gibt es eine Handreichung. Bei Unterrichtsbesuchen der Jugendoffiziere sei darauf zu achten, "parallel oder zeitnah auch Vertreterinnen oder Vertretern friedenspolitischer Organisationen die Gelegenheit zur Darstellung unterschiedlicher Positionen unter vergleichbaren Bedingungen zu gewähren", heißt es darin. In der Praxis scheitert diese Empfehlung zumeist. Die Klassenlehrerin Ines Pfannenschmidt erklärt: "Es ist so schon schwer, Termine mit dem Jugendoffizier zu finden." Damit nicht zu viele Stunden in anderen Fächern ausfallen, müsse er seine Vorträge bereits auf mehrere Vormittage verteilen, um alle Oberstufenklassen abzudecken. "Außerdem müssen Lehrpläne eingehalten werden", ergänzt die Lehrerin. Soll heißen: Das alles auch noch mit den Terminen eines "Friedensaktivisten" zu koordinieren, sei fast unmöglich.

"Friedensaktivisten" treten zum Teil mit Honorarforderungen an Schulen heran
Doch mancher "Friedensaktivist" hat offenbar so seine eigenen Vorstellungen von der Friedensarbeit an Schulen. "Uns haben Lehrer berichtet, dass teilweise Honorarforderungen von Vertretern des Friedensbewegungen für deren Vorträge gestellt worden sind", sagt Oberstleutnant Thomas Poloczek, Leiter der Informationsarbeit des Landeskommandos Sachsen-Anhalt der Bundeswehr. Für die entsprechenden Schulen sei es eine schwierige Entscheidung, ob sie diese Forderungen erfüllen sollen.

Marcus Haase sagt, er habe es noch nie erlebt, dass ein Aktivist der Friedensbewegung mit ihm gemeinsam einen Unterricht gestaltet hat. Für die Politik- und Geschichtslehrerin Ines Pfannenschmidt ist das kein Problem, "Handreichung" hin oder her. "Gerade zu aktuellen Themen wie dem IS bietet es sich an, einen Jugendoffizier hinzuzuziehen. Da kennt man sich als Lehrerin doch nicht immer so aus", sagt sie. Auch für sie sind die  Ausführungen des Offiziers interessant und neu. Wie die Schüler hört sie ihm gespannt zu.

Nach einem Abriss über die Entstehung und die Geschichte des sogenannten "Islamischen Staats" neigt sich Hauptmann Haases Vortrag dem Ende zu. "Was können wir dem IS entgegensetzen?", fragt er die Schüler in Zeitz. Zunächst herrscht Schweigen im Klassenzimmer. Dann meldet sich ein Junge und andere Arme gehen mit in die Luft. "Zunächst mal bräuchte man eine internationale Allianz, um gemeinsam etwas tun zu können", schlägt er vor. "Auch die USA und Russland müssten da zusammenarbeiten." "Die Allianz um die Amerikaner gibt es ja bereits", führt Haase an. "Bisher beschränkt man sich da im Wesentlichen auf Luftangriffe." Ob diese erfolgreich seien? "Naja", gibt Haase zu verstehen. Um aus der Luft wirklich erfolgreich zu sein, bräuchte man entsprechende Aufklärungsergebnisse am Boden. Außerdem bewege sich der IS häufig in bewohntem Gebiet. "Wenn man den IS also militärisch schlagen will, geht das zu Lasten der dort noch lebenden Zivilbevölkerung."

Man könne versuchen, die Kommunikationskanäle des IS zu unterbrechen, wirft ein Schüler ein. "Gute Idee!", lobt Haase. "Man müsste den IS wirtschaftlich abschneiden", schlägt eine Schülerin vor. Und mit allen Konfliktparteien verhandeln.

"Jetzt will ich euch noch zeigen, was die Bundesregierung und die Bundeswehr machen", beginnt Haase den Abschlussteil seines Unterrichtsbesuchs. Er zeigt ein Video über die Arbeit der deutschen Marine bei der Rettung schiffsbrüchiger Flüchtlinge auf dem Mittelmeer und über die Ausbildung der Peschmerga im Nordirak. "Mit den Peschmerga haben wir jemanden gefunden, den wir im Kampf gegen den Islamischen Staat unterstützen können", erklärt er. Ein Schüler hakt ein: "Ist es nicht widersprüchlich, wenn wir einerseits die Kurden an Waffen ausbilden und diese andererseits wiederum mit der Türkei im Konflikt stehen?"

Schülern wird auch ein kritischer Blick gezeigt
Auch Haase sieht die Ausbildungsmission der Bundeswehr in Erbil durchaus kritisch. Er frage sich, sagt er, ob es sich dabei um einen bewaffneten Auslandseinsatz oder lediglich um Ausbildungsunterstützung handelt. "Bei der rechtlichen Legitimation gibt es unterschiedliche Interpretationen. Als Soldat will ich, dass unsere Auslandseinsätze auf juristisch sicheren Fundamenten ruhen." In diesen letzten Satz klingelt die Schulglocke hinein. Die Schüler bahnen sich ihren Weg in die Pause.

Marcus Haase ist zufrieden. "Die Schüler waren relativ aktiv und kritisch", sagt er. Für ihn ein Zeichen, dass sein Unterricht gut angekommen ist. Auf die Bundeswehr an sich ist er dabei nur beiläufig eingegangen, auf die Bundeswehr als Arbeitgeber gar nicht.

Dennoch fällt es schwer, das Exekutivorgan Bundeswehr als "neutralen" Vermittler sicherheitspolitischer Zusammenhänge zu sehen. Die Frage stellt sich, ob tatsächlich ein Offizier nötig ist, um Oberstufenschülern den sogenannten "Islamischen Staat" zu erklären. Die Lehrerin jedenfalls äußert, sie könne das nicht. Wer dann? Die Bundeszentrale und die Landeszentralen für politische Bildung bieten zwar Informationsmaterial zu Außen- und Sicherheitspolitik an. In Schulunterrichte kommen deren Mitarbeiter aber genauso wenig wie Wissenschaftler.

Warum eigentlich nicht? Gerade in Zeiten wie diesen ist eine umfassende Diskussion aus verschiedenen Perspektiven wichtiger denn je. Vielleicht beschäftigt sich die Lehrergewerkschaft GEW ja mal damit. Das wäre dann zumindest konstruktiver als Soldaten ständig der Kriegstreiberei zu bezichtigen.
Jan Fuhrmann

Bild oben:
Unterricht am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Zeitz.
(Foto: Michael Bader)

Bild Mitte:
Jugendoffizier Marcus Haase bei der Arbeit.
(Foto: Michael Bader)

Bild unten:
Hauptmann Marcus Haase spricht vor dem Politik-Oberstufenkurs
über den sogenannten "Islamischen Staat". Die Lehrergewerkschaft
GEW sieht darin einen "Indoktrinationsversuch" der Bundeswehr.
(Foto: Michael Bader)


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