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Warum wir Einsatzbereitschaft neu denken müssen




Symbolbild: Verabschiedung des Patriot-Raketenabwehr-Einsatzkontingents in die Türkei am Flughafen Tegel.

Foto: imago

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Russlands Angriffs-krieg gegen die Ukraine zeigt: Ad hoc große, kampfstarke Truppenkörper zu mobilisieren, wird wieder wichtig für die Bundeswehr. Zuletzt war sie von solcher Einsatzbereitschaft weit entfernt. Eine Offizierin macht nun exklusiv in loyal Vorschläge, wie das gelingen könnte.

Warum diese Analyse?

Im Laufe vieler Gespräche mit mir unterstellten Soldatinnen und Soldaten ist mir eines aufgefallen: Kaum eine oder einer der Männer und Frauen hat eine klare Vorstellung darüber, was es bedeutet „kurzfristig einsatzbereit“ zu sein. Die Bereitschaft zu einem planbaren Auslandseinsatz ist zwar unisono hoch. Die Vorstellung jedoch, ohne größeren zeitlichen Vorlauf in ein Kriegsgebiet verlegen zu müssen, ist so gut wie niemandem in der Truppe gegenwärtig. In meiner Wahrnehmung haben wir es hier mit zwei Gegenpolen zu tun: Auf der einen Seite haben wir ein massives Nachwuchsproblem, dem wir mit Attraktivitätsmaßnahmen zu begegnen versuchen. Angefangen unter Ursula von der Leyen mit dem Schlagwort „Vereinbarkeit von Familie und Dienst“ gipfeln sie aktuell in der Kampagne „Elternwerbung“ unter karriere-kaserne.de. Das Ergebnis dieser Maßnahmen spiegelt sich in den Vorstellungen vieler jungen Männer und Frauen wieder, die zu uns kommen: ein sicherer Arbeitsplatz, möglichst nah an der Heimat, eine hoch qualifizierte Ausbildung, planbare Auslandsaufenthalte und eine kostenlose Gesundheitsfürsorge.

Doch auf der anderen Seite steht der Begriff „Kaltstartfähigkeit“ im Raum, der seitens der höchsten militärischen Führung in die Streitkräfte kommuniziert wird. Darunter versteht man den kurzfristigen Abruf „kriegs- und siegfähiger“ Kampfverbände, um diese im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung einzusetzen .

Einsatzbereitschaft 2022 – was ist das?

Oberstarzt Dr. med. Stephanie H. Krause. (Foto: privat)

Dieser Artikel ist keine sicherheitspolitische Analyse, aber es müssen einige kurze sicherheitspolitische Aussagen gemacht werden, vor deren Hintergrund mein Thema – der Mensch in der Einsatzbereitschaft – deutlich wird. Afghanistan ist vorüber, Mali fast vorüber. Augen und Gedanken ruhen nun auf einer Weltregion, die wir seit Mitte der 1990er-Jahre als untergegangenes Imperium wahrnehmen. Russland hat die Ukraine überfallen und marschiert langsam, aber stetig Richtung Kyjiw, sozusagen in Spuckweite zu unseren Bündnispartnern im Baltikum. Dort harrt das Grüppchen einer NATO-Battlegroup aus und und stellt einen Stolperdraht dar, falls Putin falsch abbiegt und Richtung Litauen rollen lässt.

Was bedeutet das für die Sicherheit Deutschlands? Wie steht es um unsere Verteidigungsbereitschaft, wenn der in Flammen stehende Rand Europas näher rückt? Was heißt das für die Einsatzbereitschaft unserer Soldaten?

Egal, ob sie als Zugführer Schützenpanzer befehligen oder als Chirurgen dienen: Bei sich zuspitzender Lage müssten alle diese Soldaten kurzfristig ihre Familien, ihre Freunde und ihr Zuhause zurücklassen. Sie müssen ihre Ausrüstung verpacken, Waffen und eine hoffentlich passende Schutzweste empfangen und werden dann auf unbestimmte Zeit irgendwohin verlegt, von wo aus eine tägliche Kommunikation mit den Daheimgebliebenen nur schwer möglich sein wird.

Nun mag man sagen, dass dies schon im Zuge des Kalten Kriegs verlangt wurde, als in Deutschland noch regelmäßig in freilaufenden Übungen quer durch die Republik geübt wurde. Doch die Wochenenden hat wohl eher die Nationale Volksarmee der DDR in der Kaserne verbracht. Die bundesrepublikanischen Krieger fuhren Freitagmittag aus der „Schichttorte“ gen Heimat, denn die Lage war zwar angespannt, aber stabil. Auch sind die Rahmenbedingungen heute andere: Wir sind eine Berufs- und Zeitsoldaten-Armee in der Lebens- und Bedrohungswirklichkeit des 21. Jahrhunderts.

Lebenswirklichkeit 2022 – where’s the difference?

Wir leben in Deutschland in einer modernen, vielfältigen Gesellschaft. Das Familien- und Rollenbild der 1950er-Jahre stirbt aus. Partnerinnen und Partner sind berufstätig, Häusliche Arbeit und Verantwortung für den Nachwuchs werden geteilt. Alleinerziehend zu sein, ist kein Stigma mehr. Der Anteil der Singlehaushalte wächst ebenso wie der der Patchworkfamilien. Diese Diversität spiegelt sich auch in den Streitkräften wider.

Natürlich gibt es immer noch Kreise – und hier spreche ich Teile der lebensälteren Eliten an -, die Schwierigkeiten mit diesen Entwicklungen haben und sich mit der Vorstellung schwer tun, dass ein Offizieressen „mit Ehefrauen“ an einem Einödstandort freitagabends nicht die Kirsche auf der Torte in Zeiten moderner Menschenführung darstellt.

Unsere jüngeren militärischen Führer sind anders sozialisiert und haben sich in ihren Funktionen als Vorgesetzte schon oft damit auseinandersetzen müssen, was es zum Beispiel heißt, wenn eine Kompanie von heute auf morgen beispielsweise zu einem Amtshilfeauftrag aufbrechen muss. Wie viele der unterstellten Männer und Frauen stehen dann wirklich sofort „bei Fuß“? Wie viele müssen erst noch Dinge regeln, um eine längere Abwesenheit kompensieren zu können?

Wenn es in den Einsatz geht für die Landes- und Bündnisverteidigung: Wer kümmert sich dann um die Familienmitglieder, die ein Soldat zu Hause zurücklässt? (Foto: imago)

Zur Lebenswirklichkeit 2022 gehört auch, dass spätestens mit der Einführung der gebündelten Dienstposten sehr lange an einem Standort verblieben wird. Eine Versetzung in eine andere Region Deutschlands, weil dienstlich notwendig und kurzfristig nötig, ist gegen den Willen der Betroffenen so gut wie unmöglich geworden. Der Scheidungsrate bei Pendlern unter den (Generalstabsdienst-)Offiziere kann man spätestens seit Corona und der damit verbundenen Entwicklung beim Thema Mobiles Arbeiten zumindest etwas entgegensetzen. Es sei denn, die Vorgesetzten entstammen der bereits angesprochenen Generation, die ihren Mitarbeitern am liebsten jeden Tag am Schreibtisch in den Nacken atmen würden.

Hinzu kommt neben den dargelegten individuellen Umständen auch die nicht unwesentliche Tatsache, dass wir spätestens seit 1990 ohne jegliches persönliches Bedrohungsempfinden leben durften. Die seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts geborenen Männer und Frauen kennen weder (Kalten) Krieg noch Not. Der Umstand, dass die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine nur zweieinhalb Flugstunden von Berlin entfernt sind, wird nicht als reale Bedrohung für unser Land empfunden und auch gesellschaftlich-politisch nicht kommuniziert. Unsere Gesellschaft ist eine zutiefst friedliche. In ihr wird die Anwendung von militärischen Mitteln als Fortsetzung der Politik als zutiefst befremdlich empfunden. Ein konkreter Einsatz des Militärs im Rahmen der Bündnisverteidigung – nicht der Landesverteidigung – wird vermutlich sogar seitens der Soldaten auch in der aktuellen Lage als rein hypothetisch angesehen.

Einsatzbereitschaft und Lebenswirklichkeit zusammendenken

Wie also umgehen mit dem alleinerziehenden Intensivmediziner in Uniform, mit der Single-Offizierin, die zu Hause ihre Mutter pflegt oder mit dem Marder-Zugführer, dessen vier Kinder intensiver Betreuung bedürfen und dessen Frau voll berufstätig ist? Sollen wir diese Soldaten sich selbst überlassen?

Ich schlage vor:

• Wir brauchen zunächst ein ehrliches Lagebild. Wir verfügen über Experten, die so etwas rasch und umsichtig aufsetzen können.

• Es sollte den Angehörigen der Streitkräfte deutlicher kommuniziert werden, dass die Erwartungen an sie hoch sind und auch eingefordert werden – und zwar schon im Zuge ihrer Einstellung beziehungsweise in der Nachwuchswerbung.

• Wir sollten überregional und gesamtstaatlich Strukturen im Bereich Kinderbetreuung und Sicherung der Pflege von Angehörigen unserer Soldaten schaffen, die kurzfristig verfügbar und im Vorhinein bekannt sind. Dies muss auch „geübt“ werden.

• Wir sollten die Unterstützung im familiären Umfeld verstärken, um bei Abwesenheit den Wegfall im Bereich der Pflege zu kompensieren, zum Beispiel durch Sozialarbeiter oder andere Fachkräfte, die nur dafür unter Vertrag genommen und bereit gehalten werden.

• Dies alles sollte aus einer Hand geschehen, ohne dass die Betroffenen seitenweise Formulare ausfüllen und Anträge stellen müssen – mit der klaren und lauten Botschaft, dass ein Netz bereitsteht, wenn „es los geht“, und dass sich „gekümmert wird“. Das derzeit in Erarbeitung befindliche Fachkonzept „Betreuung und Fürsorge“ geht in die richtige Richtung. Es sollte jedoch weiter und größer gedacht und vor allem besser kommuniziert werden.

• Soldaten, die temporär nicht einsatzfähig sind, sollten unkompliziert auf Überhangstellen gesetzt werden, die zusätzlich verfügbar gemacht werden, so dass die Verbände mit entsprechend einsatzfähigem Personal aufgefüllt werden können.

Sicherheit ist eine gesamtstaatliche Aufgabe

Doch nicht nur die Bundeswehr oder das Bundesministerium der Verteidigung sind hier zum Handeln aufgefordert. Die Sicherheit unseres Landes ist eine gesamtstaatliche Aufgabe, und die notwendigen Maßnahmen berühren unmittelbar Zuständigkeiten des Haushalts, der Sozialpolitik, der Kommunen und Länder.

Bei humanitären Katastrophen zeigt sich zwar eine hohe Bereitschaft in der Bevölkerung, sich altruistisch für das Gemeinwohl einzusetzen. Ich bin als Offizierin fest davon überzeugt, dass im Ernstfall unsere Soldaten bereitstehen werden – doch kann diese Hoffnung und Überzeugung keine Grundlage sicherheitspolitischen Handelns sein. Das aktuelle Momentum gilt es zu nutzen und diese Dinge außerhalb der Ausrüstungsoffensive anzugehen.

Vor allem aber sollte man sich übergreifend des Themas bewusst werden, es offen ansprechen und sich dazu einen Willen bilden. Wir müssen unseren Männern und Frauen das Netz spannen, das sie und vor allem ihre Angehörigen im Falle des Falles auffängt. Ansonsten sehe ich die Gefahr, dass bei umfassender Alarmierung der Bundeswehr vielleicht doch eine unangenehme Überraschung droht.

Über die Autorin

Oberstarzt Dr. med. Stephanie H. Krause ist Abteilungsleiterin G3 im Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung in Weißenfels, Sachsen-Anhalt. Als Kompaniechefin nahm sie 2008 am Afghanistaneinsatz teil und war 2019 Staffelchefin beim 11. MINUSMA-Kontingent. Krause absolvierte ab 2010 den Generalstabslehrgang. Als Kompaniechefin führte sie 2007 die 5. Kompanie, Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst Initial Entry Forces. Von 2018 bis 2021 war die 43-Jährige Kommandeurin des Sanitätsregiments 1.

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